Umweltzone: Betrug am Bürger für Anfänger?
Ich habe mich im letzten Jahr viel mit diesen sog. “Umweltzonen” beschäftigt, wie man vielleicht weiß. Ärgerlich ist natürlich, dass immer wieder schlecht recherchierte Artikel, wie z. B. von der taz skandieren, dass alte Autos “Stinker”, “Dreckschleudern” oder sonstwas sind, was den Schreiberlingen gerade so in den Sinn kommt. Mal abgesehen davon, dass immer noch keiner daran denkt, dass alte Autos wie alle anderen erst dann Abgase ausstoßen, wenn man sie in Betrieb nimmt, setzt sich die Mär, dass ein Katalysator ein Feinstaubfilter sei, unreflektiert munter fort, z. B. im Hauptstadtblog. Weil man es wohl nicht besser weiß, schreibt man allgemein: denn ohne Katalysator oder Filter verpesten sie zu sehr die Luft. In der dort zitierten taz-Quelle schlägt aber munter den Bogen vom Benziner-Kat zum Feinstaubausstoß. Erst in der nächsten Stufe der Luftreinhalteverordnung geht es auch um Stickoxide. Da spielen Katalysatoren ihre Wirkung aus. Aber erst dann, wenn das Auto fährt und der Motor vor allem in dem Lastbereich arbeitet, in dem der Kat wirkt. Auch das sollte man nicht vergessen.
Ich habe mir nun die Mühe gemacht und mal nachgeschaut, wo und wie oft die Messwerte überschritten wurden. Das kann man z. B. hier. Danach habe ich die Messstationen in Berlin ausfindig gemacht und mit roten Pins in ein GoogleEarth-Luftbild eingetragen.
An dieser Stelle erschien vormals ein Google-Earth-Bild. Offensichtlich führt Google Benutzer von Google Earth bewusst oder unbewusst in die Irre: Die kostenfreie Benutzung der Luftbilder ist anscheinend keineswegs, nicht mal in unkommerziellen Seiten gestattet, weil die Rechte nicht bei Google, sondern bei GeoContent, AeroWest, DigitalGlobe oder Tele Atlas liegen. Dies haben Abmahnung in der jüngsten Vergangenheit gezeigt. Daher habe ich das Bild aus diesem Artikel herausgenommen. Wir leben in einer schlechten Welt.
Die pinkfarbene Linie habe ich künstlerisch von Hand eingetragen. Das ist sie: die sog. “Umweltzone”. Sie orientiert sich im Wesentlichen am S-Bahn-Ring, der wegen seiner Form auch “großer Hundekopf” genannt wird und eine Fläche von knapp 90 km² umfasst.
Und, was fällt uns auf? Richtig. Die Messstationen in der Zone liegen bis auf eine (DEBE065, Frankfurter Allee) in der Nähe oder sogar direkt in der An- und Abflugschneise von Tempelhof, jenem Flughafen, der bald geschlossen werden soll. Für die Ortsfremden: Der Flughafen Tempelhof liegt dort, wo beim Hund der Kopf auf den Hals gesteckt wird.
Jetzt kann man mutmaßen, dass die Messwerte, die zur Einführung der sog. “Umweltzone” herangezogen wurden, aus einer Zeit stammen, als Tempelhof stärker frequentiert wurde. Gerade Kerosin, das eng verwandt mit Diesel oder leichtem Heizöl ist, dürfte in den Triebwerken auch zu einem stattlichen Anteil in Feinstaub umgewandelt werden. Bislang habe ich ein offenes Ohr für den Erhalt von Tempelhof gehabt. Aber wenn der Flughafen (bzw. der Missbrauch der im Umfeld gemessenen Werte) Schuld daran ist, dass ich mit meinen kleinen, unschuldigen Fiats nicht mehr ohne Weiteres ab und zu dort fahren darf, wo ich will, kann sich meine Ansicht recht schnell ändern.
Und zum Schluss: Fast 95% aller Fahrzeuge haben eine sog. “Feinstaubplakette” oder können eine bekommen. Dass das Verbot der restlichen 5% die Belastung merklich reduzieren kann, glaubt doch wohl niemand ernsthaft, oder? Und vor allem: Wie sind die immensen Ausgaben für die sog. “Umweltzonen” zu verantworten, wenn in kurzer Zeit praktisch jeder drin herumfahren darf? Denn, der Bestandsaustausch der Fahrzeuge geht weiter vonstatten!
Man darf gespannt sein, ob uns die Damen und Herren Politiker eine etwaige Verbesserung der Messwerte in Bälde als Erfolg der Umweltzone verkaufen wollen, der vielleicht eher auf den zurückgehenden Flugbetrieb in Tempelhof zurückzuführen ist…


Mittwoch, 2. Januar 2008 21:36
Nun, ich bin offen gesagt auch kein Anhänger der Tempelhof-muss-offen-bleiben-Fraktion, dennoch finde ich den Zusammenhang, den du hier herstellst, gewagt.
Zum Ersten ist es ungünstig, dass in deiner Grafik die Stationen DEBE067 (Hardenbergplatz) und DEBE068 (Mitte, Brückenstraße) nicht mit eingezeichnet wurden. Man könnte den Eindruck gewinnen, als ließest du sie bewusst weg, um deine Annahme zu unterstreichen.
Zweitens: Beim Gros der Messstationen, die rein zufällig auch häufig an stark frequentierten Straßen liegen, wurde auch im vergangenen Jahr (siehe die von dir verlinkten Daten) die zulässige Zahl der Tage mit erhöhten Tageswerten überschritten.
Drittens: Du erweckst den Eindruck, als liegten etwa die Stationen DEBE034 (Neukölln-Nansenstraße) und DEBE018 (Schöneberg-Belziger Straße) in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. Interessanterweise wurde in Schöneberg die zulässige Anzahl an Tagen mit erhöhten Werten nicht überschritten, in Neukölln nur leicht. Wie ist das zu erklären. Und wie kann erklärt werden, dass die Weddinger Station, die ja ähnlich entfernt vom wohl am stärksten frequentierten Flughafen der Stadt ist wie die oben genannten Stationen vom Flughafen Tempelhof, auch nicht die Anzahl von Tage mit erhöhter Emission überschritten hat, obwohl hier der Zusammenhang eigentlich viel deutlicher sein müsste?
Mittwoch, 2. Januar 2008 23:39
Julius,
ich werde mal schauen, wo mir die von dir genannten Messstationen durch die Lappen gegangen sind. Ich kann sie in der verlinkten Liste nicht finden. Hast du vielleicht eine Quelle parat, woraus hervorgeht, dass dort Feinstaubwerte in der jüngeren Vergangenheit gemessen werden? In der Liste für das Jahr 2007 fehlen diese beiden Stationen. 2006 sind sie noch da.
Ich gebe zu, dass meine These gewagt ist. Darum schrob ich oben, dass ich mutmaße.
Dass Tempelhof allein verantwortlich ist, würde ich auch nicht unterschreiben. Es liegt vielleicht an der Kombination, die man an ausgewählten Messstandorten findet: Auto- und Flugverkehr (und allem anderen, was noch Feinstaub verursacht: Grill- und Kamin/Ofenfeuer, Zigaretten…
)
Donnerstag, 3. Januar 2008 0:04
Nun, unabängig dessen, das natürlich Tempelhof seinen Anteil an der Feinstaubkonzentration hat, vergessen wir nicht, dass dort in der Nähe auch zusätzlich die Stadtautobahn verläuft bzw. umfährt. Außerdem sind in Neukölln noch viele Wohnung mit Ofenheizung zu mieten … sehr viele.
Und natürlich der Autoverkehr, da hilft es ja auch nichts, wenn gewisse starkbefahrene Straßen wie Silbersteinstraße etc. 30 km/h-Zonen geworden sind. Wo relativ viel arm wohnt, sind wohl auch relativ viel alte Dreck spuckende Schleudern unterwegs.
Im übrigen gibt es gerade in Tempelhof auch noch relativ viel Industrie. Gilette, Bahlsen u.v.m. produzieren hier einfach, das geht auch nicht ganz ohne Dampfablassen von statten.
Donnerstag, 3. Januar 2008 1:29
Ich seh gerade, dass ich tatsächlich auf Daten von 2006 zugegriffen habe. Dann ziehe ich meinen ersten Kritikpunkt mal wieder zurück. Pardon!
Die große Frage: Wo sind die beiden Messtationen hin?
Donnerstag, 3. Januar 2008 8:45
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?
Donnerstag, 3. Januar 2008 8:54
Interessanter Artikel zum Feinstaub- und Umweltzonenunsinn.
Hier ist etwas vergleichbares für eine andere Stadt: http://www.halt-umweltzone.de/
Donnerstag, 3. Januar 2008 21:49
[...] willsagen.de sieht einen zusammenhang zwischen flugzeugen und der umweltzone in berlin [...]