Sei Berlin! – Wer? Ich?
Huch! Der Senat befiehlt. Muss ich gehorchen? Muss ich jetzt Berlin sein? Ganz Berlin? Das is aber ne ganze Menge auf einmal, was ich da sein muss.
Neulich war ich gerade noch Deutschland. Das war schon ganz schön anstrengend. Ging aber klar, weil es ja nur für mich festgestellt wurde. Im Münsterland, wo ich damals noch wohnte, war das auch nicht so schwer. Wir hatten ja nichts. Da konnte man leicht Deutschland sein. Jetzt aber befiehlt man mir, Berlin zu sein. Und wenn ich der deutschen Sprache nicht mächtig bin, brüllt man mich auch gern auf englisch an: “Be Berlin”.
Hey, ich versuch’s ja! Ich kann ja nichts dafür, wenn das nicht so hopplahopp geht. Wenn ich nun Berlin sein soll, muss ich mir erstmal darüber klar werden, was Berlin überhaupt ist. Was fällt mir denn da so ein:
Berlin ist
- prima Arbeitsplatz
- Wohnort
- neue Heimat
- multikulti
- unästhetisch
- oft abgerockt
- wenig gepflegt
- Hinterhof
- Fassade
- im Osten
- weit weg von allem, was mir bisher wichtig war
- Umweltzone
- Bürokratie in Reinform
- BVG-Streik
- kulturell sehr wertvoll
- laut
- leise
Da sind ein paar Eigenschaften dabei, mit denen ich mich anfreunden kann, bzw. die ohnehin schon zutreffen. Einige sind aber auch schlicht ärgerlich und unabänderbar.
Bleibt also die Frage, wie ich nun Berlin sein soll. Ob mir da die Internetseite zur Kampagne weiterhilft? Seit kurzem weiß man ja, dass ich ein Freund von schwurbelnden Dingern auf Internetseiten bin. Bis auf die Farbwahl (Rot und Rosa geht ja mal gar nicht zusammen!) sieht das ja ganz lustig aus. Aber die Stadtbezirke flutschen viel zu schnell durchs Bild. Klickt man einen Bezirk an, kommen aus dem Hintergrund diese stylischen Sprechblasen angeflogen, die offenbar Mittelpunkte der Kampagne sind: Sei Berlin, sei Sprechblase mit einer Ecke nach innen und nach außen. Da geht was. Da macht man gleich richtig mit!
Geht das eigentlich nur mir so, dass der untere Teil der Seite nicht richtig funktioniert? Ob ich mir nun Wowis Grußwort durchlesen, den Film zur Kampagne oder ein hippes Rütli-Shirt aussuchen möchte: Funzt net. Klicke ich in der Leiste darüber einen der vier Begriffe an, komme ich irgendwie nimmer auf die Startseite zurück. Auch nicht so toll. Klicken auf irgendwas in der oberen Leiste? Irgendwie ohne Funktion. Mag sein, dass das am Browser liegt. Aber Firefox und Flash sind bei mir auf dem aktuellen Stand. Ist also klar ein Versäumnis der Programmierbude, eine Seite so zu gestalten, dass sie auch auf normal konfigurierten Maschinen läuft. Achso: Und eigentlich gehört das Kreuz zum Schließen eines Fenster für intuitive Bedienung nach oben rechts, nicht nach oben links.
So, erstmal genug gelästert. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass auch diese Kampagne nicht perfekt ist. Sei Berlin, sei imperfekt. Autsch! Imperfekt? Vergangenheit? Da ist man schnell bei den zahlreichen dunklen Kapiteln, die diese Stadt miterleben musste. Aber, das muss man wirklich sagen, Berlin geht mit der Vergangenheit sehr offen um. Mein Eindruck ist, dass man sich dessen bewusst ist und nichts nicht so viel wie anderswo verschweigt. Das finde ich gut!
Der Hammer der Kampagne ist übrigens der Klingelton (vulgo Jingle). Bibelimmbilimm, wie momworx herausgehört hat. Könnte stimmen. Neulich schrob ich im Hauptstadtblog, dass mich der neue Slogan an den Expo-2000-Jingle von Kraftwerk erinnert. Der hat damals angeblich sagenhafte 400.000 DM (in Erinnerung habe ich 100.000 DM) gekostet. Die Youtube-Variante ist mir übrigens neu. Ich kannte nur eine die Version bis zur Sekunde 4. So wurde er m. W. seinerzeit vorgestellt. Aber Hammer, oder?
Kreativere, Internet affinere Menschen kritisieren mal wieder zurecht, dass solche offiziellen Kampagnen immer irgendwie ungelenk daher kommen. Man wird als (Berlin-)Verbraucher das Gefühl nicht los, irgendwie für dumm verkauft zu werden. Mal abgesehen davon, ob die Kampagne gut oder schlecht ist: Ich halte sowas grundsätzlich für überflüssig. Das ist genauso ein Kropf wie neulich, als ich irgendwo Werbung von der Bundesdruckerei gesehen habe. Ich meine, da ging es um den Reisepass. Ja, kann ich mir denn eine Druckerei aussuchen, wenn ich nen Reisepass haben will? Es gibt noch etliche andere Beispiele in dieser Richtung: Werbung für etwas, wo es keine Alternativen gibt. Genauso Werbung für die BVG. Ach ne, die gelben U-Bahnen gefallen mir nicht. Heute fahre ich mit der roten. Ja, wenn das ginge, würde sowieso ein ganz anderer Wind bei den jetzigen Monopolisten wehen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mir je der Slogan irgendeiner Stadt positiv aufgefallen ist, bis auf vielleicht: “Ich komm’ zum Glück aus Osnabrück.” Wo ich doch halber Osnabrücker bin, konnte ich mich damit am ehesten identifizieren. “Sei Glück, sei Osnabrück.” würde es wohl auf “Sei Berlin” übersetzt heißen. Nicht so gut.
Berlin, musst du hin. Nix wie hin nach Berlin. Nenene… Ich lass’ das lieber, bin halt Maschinenbauer, nicht Texter.
Berlin braucht m. E. weder eine Kampagne dieser Art, noch irgendwelche anderen Selbstbeweihräucherungen, nicht mal einen Slogan, der nichts aussagt. Erstmal sollte man doch sehen, ein paar Probleme aus der Welt zu schaffen, bevor man sie mit Klicki-bunti-schwurbeli-Seiten überdeckt. Ich fände es also bei weitem angenehmer, wenn Busse und U-Bahnen wieder fahren würden, als vor Langeweile auf der Berlin-Kampagne rumzuklicken.


Freitag, 14. März 2008 13:15
Der Link zu momworx ist falsch. doppeltes http:// —
In diesem Sinne … Bibelimmbilimm…
Sonntag, 16. März 2008 11:59
[...] as the government of a large, European capital) and a very bad campaign site, so that everyone can complain about [...]
Sonntag, 16. März 2008 18:51
Oh, danke. Ich hab’s repariert.
Bibelimmbilimm.