Auto(s) für Egoisten

Kürzlich hatte ich das (zweifelhafte) Vergnügen, in einem Auto mitzufahren, dass ich beim Blick aus meinen Fiats nur etwa bis zur Radnabe kenne. Ein früherer Kollege aus meiner alten Firma hat mich ein kurzes Stück in seinem Panzerspähwagen vom Typ Audi Q7 mitgenommen. Dabei durfte ich also in den Genuss kommen, einen Vertreter der so genannten SUV (Sports Utility Vehicle) kennenzulernen. Sports Utility Vehicle. Aha. Sports? Ein Sportwagen sieht meines Erachtens anders aus. Z. B. so:

911 SC

Oder vielleicht auch noch so:

BMW Z3 Coupé

Ein Sportwagen ist es also schon mal nicht. Gut, es ist ein dicker Motor eingebaut, der den Stahlkoloss so vehement beschleunigt, dass ich mit einem der obigen Exemplare wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt hätte, mitzuhalten. Sportwagen zeichnen sich aber vor allem dadurch aus, einen niedrigen Schwerpunkt für zügiges Kurvenfahren zu haben. In der ersten Kurve sieht man sich also wieder.

Utility. Das heißt sowas wie Nutzwert, Nützlichkeit oder Brauchbarkeit. Das Auto soll also nützlich sein. O.k., fünf Leute passten rein. Allerdings, ich bin ja nicht der schlankeste, hat man mich freiwillig vorn (rechts) sitzen lassen. So viel Platz ist hinten also wohl doch nicht. Bei der nächsten Mitfahrgelegenheit war man dann auch froh, nur noch zu viert zu fahren.

Ich habe meinen Rucksack in den Kofferraum gepackt. Dabei ist mir als erstes die hohe Ladekante aufgefallen. So ähnlich, als wenn ich etwas bei einem anderen Auto aufs Dach lege, kam mir das vor. Und da, wo man statt Kofferraum die unendlichen Weiten des Universums vermutet, fällt der Blick ziemlich rasch auf die Hinterseite der Rückbank. Der Kofferraum hat damit nach einer vorsichtigen Schätzung nicht mal Passat-Kombi-Format. Auch vorn wirkte der Platz so ähnlich wie in einem Mittelklasse-Auto. Damit entpuppt sich der Q7 als höher gelegter, äußerlich aufgepumpter Kombi, der es locker auf eine Länge von mehr als fünf Metern bringt. Ein etwa zwei Meter kürzeres Auto bietet übrigens solch einen Kofferraum:

kombi102

Damit ist es mit der “Utility” auch nicht so weit her. Interessant auch, dass der Begriff “SUV” im Sprachgebrauch immer auch etwas mit Geländewagen impliziert, obwohl das in dem Kunstbegriff gar nicht vorkommt. Und, für’s Gelände sind die Dinger, so wie sie aus dem Werk kommen, dank Straßenreifen und gar nicht mal so großartiger Bodenfreiheit auch nicht.

Bleibt also “Vehicle”. Ja, jetzt ham wirs. Ob nun Q7, X6, M-Klasse oder noch schlimmer GL und Cayenne: Vehikel, das sind sie! Klar, Autokauf ist, abgesehen von Geldfragen, immer Geschmackssache. Und manche mögen es eben groß. Vielleicht sind es auch 0,15% der Käufer, die ein großes und schweres Auto brauchen, um einen großen Anhänger zu ziehen, was mit einem kleineren nicht so gut und bequem geht. Wie oft sehe ich aber in der Berliner Innenstadt diese fahrenden Blechgebirge mit Leergewichten von mindestens 2 Tonnen, in der nur ein Persönchen von nicht einmal 80 kg sitzt (und ohne Anhänger versteht sich)? Entlarvt: Diese Autos sind etwas für Egoisten. Und das zeigt sich noch durch etwas anderes. Denn die dicken Autos nützen nur den Insassen darin etwas.

Am vergangenen Wochenende habe ich in der Berliner Zeitung einen Bericht über einen Crash Test vom ADAC gelesen. Dort prallten ein Audi Q7 und ein (neuer) Fiat 500 frontal aufeinander. Die Geschwindigkeit beider Fahrzeuge betrug je 56 km/h. Da der Audi mehr als das doppelte wiegt, bringt er auch mehr als die doppelte kinetische Energie in die Kollision ein als der Fiat. Außerdem wirkt sich die große Masse auch im Impulssatz aus. Der ist “verantwortlich” für die Belastungen, denen die Insassen allein durch die Geschwindigkeitsveränderung ausgesetzt sind.

In dem Test wird zu Recht der mangelnde Partnerschutz des Q7 kritisiert. Darunter versteht man die Eigenschaft des großen, schweren Autos, einem leichteren Kollisionpartner einen Teil seiner Knautschzone zu überlassen. Denn nur durch lange Verformungswege ist es möglich, die Belastungsspitzen, die auf die Insassen wirken, zu minimieren. Dabei ist das große Problem, dass der Fiat in diesem Versuch bei Kollisionsgeschwindigkeiten von je 56 km/h stärker belastet wird, als wenn der Fiat mit einem gleichschweren Fahrzeug kollidieren würde. Als Beispiel: Nimmt man mal an, dass beide Fahrzeuge genau frontal (also nicht seitlich versetzt wie in dem Crashtest) mit je 56 km/h zusammenstoßen, erfährt der Fiat eine Geschwindigkeitsänderung von geschätzt 70 bis 80 km/h, weil der Q7 so viel schwerer ist. Der Fiat wird fast wie eine Billardkugel zurückgestoßen. Das wirkt sich direkt auf die Belastungen der Insassen aus, die in diesem Belastungsbereich schwere innere Verletzungen erfahren können, ohne dass es zum direkten Kontakt mit der Fahrgastzelle kommen muss. Wären beide gleich schwer (und immer noch gleich schnell), läge die Geschwindigkeitsänderung nur bei knapp 60 km/h. Das ist immer noch nicht komisch, aber eben nicht so sclimm wie 70 oder 80 km/h.

Durch die Härte des Q7 wurde der kleine Fiat aber extrem zusammengestaucht. Dadurch sind die Dummys im Innenraum angestoßen und eingequetscht worden. Das ist mit hohen Belastungen verbunden, die kaum Überlebensspielraum bieten. Dabei kann man den Fiat nicht schlicht als unsicheres Fahrzeug geißeln. Man kann nämlich nur eine bestimmte Sicherheit einbauen. Irgendwann lässt sich konstruktiv einfach nicht mehr erreichen. Wenn sich das Auto nicht verformen würde, würden auf die Insassen Belastungen wirken, die sie innerlich zerreißen. Auto heil, Insassen kaputt. Damit ist nichts gewonnen.

Die Konsequenz: Das große Auto muss dafür sorgen , dass die Insassen im kleinen Auto eine Überlebenschance haben. Wir werden in Zukunft wahrscheinlich wieder viel mehr mit kleinen, leichten Autos zu tun haben, wenn es erstmal verstärkt darum geht, Energie effizient zu nutzen. Da sind Autos wie Panzerspähwagen fehl am Platz.

Autor: Will
Datum: Dienstag, 23. September 2008
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3 Kommentare

  1. 1

    Hallo,

    Das ist aber ein schönes Foto, wo man von hinten in den Kofferraum schauen kann ! Der kleine Fiat ist an sich ein hübsches, aber wie schon geschrieben leider nicht sehr sicheres auto !

  2. 2

    i totally agree. soviel auto für sowenig leute, die auch noch stunden brauchen, bis sie eingeparkt haben.

  3. 3

    @Andy: Nunja, lies nochmal. Der Fiat ist schon sicher, aber gegen einen Leo2 sieht auch der Q7 alt aus. Ist halt immer die Sache, wer der “Gegner” ist.

    Generell gibt es überhaupt keinen rationalen Grund, sich so eine Schüssel zu kaufen außer “Weil ich’s kann.”. Vielleicht noch weil “Die Mutter von Luca-Julien hat aber auch einen …”.

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