Mobile Geeks machen es sich einfach mit "den Daten im Auto": Alles ist böse

Vor ein paar Tagen erschien auf Mobile Geeks ein Artikel über datensammelnde Autos. Leider ist der Artikel ziemlich oberflächlich bzw. in Teilen schlicht falsch, obwohl ein tatsächlich wichtiges Thema angesprochen wird. Ich nehme an, der Artikel ist als einseitiger Rant, losgelöst von Objektivität, gedacht? Steht leider nicht dabei. Ich schrob dort einen längeren Kommentar:

Früher hat man nach Unfällen (darauf möchte ich mich mal beschränken) die Bremsspurlänge auf der Straße vermessen, um Geschwindigkeiten zurückrechnen zu können. Heute geht das „Dank“ ABS meistens nicht mehr. Man sah den Fahrzeugen auch noch besser an, welche Kräfte gewirkt haben, weil die Verformungen offensichtlicher waren und nicht im Verborgenen unter voluminösen Verkleidungen bleiben. Außerdem sind die polizeilichen Unfallaufnahmen sehr lückenhaft geworden. Um überhaupt den Zustand von vor 20 Jahren wieder zu erreichen, die Bremsspuren hat schließlich auch niemand sofort unkenntlich gemacht, wäre es daher notwendig, gewisse Daten in einem Zeitfenster um ein Triggereignis zu speichern.

Der Artikel suggeriert, dass genau das (und noch mehr, da keine Zeifensterbeschränkung) schon massenweise geschehen würde. Dem ist aber nicht so, jedenfalls nicht in Deutschland bzw. in der EU. Es gibt hier vereinzelt Fahrzeuge mit EDR, dann Importfahrzeuge aus USA, bei denen man die Funktion nicht abgeschaltet hat. Übrigens muss man, wenn man sich hierzulande einen Tesla S mieten will, eine Erklärung unterschreiben, dass man damit einverstanden ist, dass die eigene Position ständig von Tesla verfolgt werden kann. Ich glaube nicht, dass Tesla das freiwillig macht.

Wenn es überhaupt möglich ist, irgendwelche Daten aus Unfallfahrzeugen (ohne EDR) auszulesen, ist das ein erheblicher technischer Aufwand, da eben keine tabellarischen Daten, sondern wenn überhaupt derzeit nur Fehlercodes abgespeichert werden, z. B. ein Fehler am Drehzahlsensor, wenn ein Rad abreißt. Da hat man auch eine Geschwindigkeit, aber es steht nicht fest, dass dieser Geschwindigkeitswert etwas mit der Schwerpunktgeschwindigkeit des Fahrzeuges zu tun hat. Eine gerichtsfeste Auswertung nur solcher Daten, ohne sie in Bezug zu anderen Anknüpfungstatsachen zu setzen, ist praktisch nicht möglich.

Was die Hersteller mit irgendwelchen Daten derzeit anfangen, ist längst nicht so klar, wie es in dem Artikel behauptet wird. Die Herstellerinfos gehen von „wir sammeln gar nichts, um unsere Kunden zu schützen“ bis „wir sammeln eine Menge, aber wir sagen nicht, wann und was.“ Dass die Daten erst mal den Kunden gehören, dürfte dabei klar sein, da er sie mit dem erworbenen Fahrzeug erzeugt. So richtig kann aber niemand gegen die Hersteller vorgehen, um mehr zu verraten, weil sie nicht zur Offenlegung verpflichtet sind, was sie tun und lassen.

Zur Frage, wem „die Daten“ gehören, die ein technisches Gerät erzeugt, hat vor dem LG Halle bzw. OLG Naumburg einen Prozess gegeben, der die Frage behandelt hat, wem die Daten gehören, die von Geschwindigkeitsmessgeräten (aka „Blitzer“) erzeugt werden. Die gehören dem Anwender, jedenfalls keinesfalls dem Hersteller des Geräts. Müsste man sich mal vorstellen, wenn z. B. Canon oder Nikon Besitzansprüche auf die mit ihren Kameras erzeugten Fotos anmelden würde.

Der Rundumschlag dieses Artikels endet dann natürlich mit einer Grätsche in Richtung eCall. Und grundsätzlich ist es ja auch richtig, dass die technischen Möglichkeiten Missbrauch Tor und Tür öffnen. Nur finde ich den Artikel bedenklich einseitig, da der Nutzen, den so ein System bieten kann, ebenso wie die Auswertung unfallrelevanter Daten, praktisch komplett unter den Tisch fällt. Nach meinen ganz persönlichen Erfahrungen als Unfallanalytiker gehen nämlich sehr häufig die Kläger in Zivilverfahren um Schadenersatz und Schmerzensgeld leer aus, weil sie keine Möglichkeit haben, zu beweisen, dass sie den Unfall nicht verursacht haben oder dass sie bestimmten Belastungen ausgesetzt waren.

Über diese Themen habe ich mich in ähnlicher Form bereits hier und hier ausgelassen.

 

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Datum: Sonntag, 15. Februar 2015
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2 Kommentare

  1. 1

    […] sagenMobile Geeks machen es sich einfach mit “den Daten im Auto”: Alles ist böseVor ein paar Tagen erschien auf Mobile Geeks ein Artikel über datensammelnde Autos. Leider ist der […]

  2. 2

    […] Neulich hatte ich ja was zu einem mittelguten Artikel auf Mobile Geeks geschrieben. Dazu hatte ich mir einige Schelte eingefangen. Nichtsdestotrotz wage ich es erneut, wieder etwas richtig zu stellen ein paar Zusatzinformationen zu liefern: Don Dahlmann beschäftigt sich im weiteren Sinne erneut mit der Digitalisierung der Autos und meint, dass das im autonomen Fahren endet, eher als manchem lieb ist. […]

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