{"id":3901,"date":"2012-12-05T11:05:31","date_gmt":"2012-12-05T09:05:31","guid":{"rendered":"http:\/\/willsagen.de\/?p=3901"},"modified":"2012-12-05T11:05:31","modified_gmt":"2012-12-05T09:05:31","slug":"digitaler-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willsagen.de\/?p=3901","title":{"rendered":"Digitaler Rassismus"},"content":{"rendered":"<p>Das Internet ist ein Abbild der Gesellschaft. Von himmelhoch jauchzend bis abgrundtief schlecht findet man alles. Es schlie\u00dfen sich Interessengruppen zusammen, um ihre Vorlieben an einem bestimmen Ding, Hobby, Thema zu vertiefen, sei es auf Blogs, Internetforen oder sonstigen Sammelstellen von digital abgelieferten \u00c4u\u00dferungen. Dagegen ist nichts einzuwenden.<\/p>\n<p>Dummerweise treiben solche Einrichtungen im Netz aber auch immer mal fragw\u00fcrdige Bl\u00fcten. <em>Bashing<\/em> dr\u00fcckt es eigentlich viel zu soft aus, was man hier und da im Netz so findet.\u00a0Wie uns Sascha Lobo k\u00fcrzlich den <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/kolumne-von-sascha-lobo-ueber-hass-in-der-digitalen-gesellschaft-a-870799.html\" target=\"_blank\">Digitalen Hass<\/a> erkl\u00e4rt hat, gehe ich noch einen Schritt weiter. Es ist der Digitale Rassismus, der in vielen Netzmikroorganismen Einzug h\u00e4lt. Man glaubt sich in der Gruppe so stark f\u00fchlen zu k\u00f6nnen und sp\u00fcrt Tendenzen in Themenstr\u00e4ngen auf, man f\u00fchlt sich von &#8222;den anderen&#8220; auch insoweit unbeobachtet, dass man sich dazu herabl\u00e4sst, eine ganze Gruppe zu verunglimpfen und sich so gleichzeitig auf eine h\u00f6here Stufe zu heben. So in etwa kann man doch Rassismus definieren.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit hatte ich \u00fcber den <a href=\"http:\/\/willsagen.de\/?p=2215\" target=\"_blank\">automobilen Rassismus<\/a> schwadroniert. Liest man sich durch einige Kommentarspalten von automarkenaffinen Netzangeboten, stellt man schnell fest, dass nat\u00fcrlich BMWs nicht nur besser als Mercedesse sind, sondern dass damit auch gleichzeitig der Fahrer des M\u00fcnchner Produkts ein besserer, wertvollerer Mensch ist als der armselige Wicht in seiner Stuttgarter Chaise. Aber es geht dann eben mit einigen soweit durch, dass sie Hasstiraden anstimmen, die man in einer Diskussion, in der man die Automarken durch Religions- oder V\u00f6lkerangeh\u00f6rige ersetzen w\u00fcrde, \u00a0in eine ganz eindeutig braune Ecke stellen w\u00fcrde, und das zu recht.<\/p>\n<p>Was auch unter sogenannten Fu\u00dfballfans gilt, n\u00e4mlich dass &#8222;Schalker&#8220; selbstredend zur wertvolleren Bev\u00f6lkerungsgruppe im Gegensatz zu &#8222;den Bayern&#8220; z\u00e4hlen, greift nun auch auf das Internet \u00fcber. K\u00fcrzlich las ich einen Themenstrang, in dem jemand ganz unbedarft fragte, wer denn auch bei Facebook sei. Statt &#8222;ich&#8220; oder &#8222;ich nicht&#8220;, wussten nat\u00fcrlich etliche Verbalinkontinenzler etwas dazu beizutragen. Ein paar Bonmots gef\u00e4llig?<\/p>\n<blockquote>\n<p>F\u00fcr mich ist &#8220; F\u00e4issbuck &#8220; ( war nat\u00fcrlich drinnen ) die ideale Plattform f\u00fcr Exhibitionisten, Adabeis und Leute mit Hang, zum inhaltslosen Ausdruck.<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote>\n<p>Ich brauche Facebook so n\u00f6tig wie Hundescheisse am Schuh !<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote>\n<p>Gesichtsbuch ist ab einem gewissen Alter je nach Synapsenentwicklung genauso belanglos wie Witze auf Toilettenpapier oder Serviettenringe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Zugegeben. Das ist alles relativ harmlos. Aber man erkennt schon daran eindeutige Tendenzen: Wir stellen als erstes fest, dass es die Facebookhasser besonders komisch finden, den Namen falsch zu schreiben. Das kennt man auch von Automarken. Kaum einer schreibt <del>Ziedr\u00f6hn<\/del> Citro\u00ebn richtig (ich auch oft genug nicht, weil ich die Punkte auf dem &#8222;e&#8220; nicht schnell genug finde), geschweige denn, dass er das Wort richtig sprechen kann. Nicht schlimm. Eigentlich. Bestimmt gibt es sowas auch mit Fu\u00dfballvereinen. Da ich mich damit nicht auskenne, kann ich kein Beispiel liefern.<\/p>\n<p>Wer bei Facebook ist, wird mal gleich in eine Ecke mit Exhibitionisten und Leuten gestellt, die nichts hinkriegen. Auch der Kraftausdruck des Tierexkrements h\u00e4tte im Zusammenhang: <em>Ich brauche [Namen einer Weltreligion oder eines Volkes einsetzen] so n\u00f6tig wie Hundeschei\u00dfe am Schuh!<\/em> gleich eine ganz andere Wirkung entfaltet, bedeutet aber, dass im Hirn desjenigen, der das geschrieben hat, eigentlich die gleichen Denkprozesse ablaufen, als dass er damit alle, die zur Gruppe der Facebookmitglieder geh\u00f6ren so schei\u00dfe findet, wie man Hundeschei\u00dfe am Schuh finden kann. Ist ja auch eklig. Oder man ist als Facebooker eben einfach dumm.<\/p>\n<p>Dabei hat sich das Thema eigentlich ganz harmlos entwickelt, bis jemand die erste verbale Entgleisung liefert. Er sieht, dass das keinen wirklichen Widerspruch in der gleichen Tonart findet. Viel mehr f\u00fchlen sich auch nun andere ermutigt, in die gleiche Kerbe zu hauen. Eben genau so, wie einer anf\u00e4ngt, vorm Asylantenheim &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220; zu kr\u00e4hen, bis es die ganze Menge skandiert. Diejenigen, die das abst\u00f6\u00dft, haben l\u00e4ngst die Flucht ergriffen, um nicht angegriffen zu werden.<\/p>\n<p>Typisch ist auch, dass sich die Facebookhasser offenkundig mit der Plattform nicht gro\u00dfartig auseinander gesetzt haben. Facebook ist erst mal nur eine Software. Es kommt ja darauf an, was man daraus macht. Einige schreiben, sie h\u00e4tten sich da angemeldet und das w\u00e4re langweilig gewesen, was sie da gefunden h\u00e4tten. Dabei kommt es ja gerade darauf an, selbst zu suchen, was f\u00fcr einen interessant ist oder mit wem man in Kontakt treten m\u00f6chte. Andere beklagen, es h\u00e4tten sich nach der Anmeldung gleich sooo viele Leute gemeldet, die mit ihnen befreundet sein wollten. Ich glaube davon kein Wort. K\u00f6nnte es nicht so gewesen sein, dass sie sich mehr Aufmerksamkeit versprochen hatten? Wollten sie vielleicht lieber von ihren <em>wirklichen<\/em> Freunden gefunden werden, als von Spammern, die mit allem und jedem Freund sein wollen? Auch das vermeintliche Auskennen, aber die dann doch durchscheinende Unkenntnis ist charakteristisch f\u00fcr die Erniedrigung einer ganzen Gruppe im Sinne des Rassismus.<\/p>\n<p>Facebook-Hass ist nur ein Beispiel f\u00fcr digitalen Rassismus. Das l\u00e4sst sich auch auf andere Netzwerke \u00fcbertragen. Na, wie denkst du \u00fcber die, die immer noch bei Stayfriends sind? Irgendwelche Hinterw\u00e4ldler, die noch mit Modem und AOL online gehen. Hab ich recht? Oder der alte Microsoft-Apple-Zwist. Auch da k\u00f6nnen einige nicht aus ihrer kleinen Rassistenhaut und hauen stattdessen munter auf andere ein, nur weil sie es wagen, eine andere Computermarke zu kaufen.<\/p>\n<p>Was die Leute denken, kann man ihnen nicht verbieten. Was sie aber davon, sofern sie vorher gedacht haben, bleibend im digitalen Netz abliefern, wird man in Zukunft genauer beobachten m\u00fcssen, da der digitale Umgang miteinander immer selbstverst\u00e4ndlicher werden wird, nur dass das gesprochene Wort verhallt, das gepostete Wort aber bleibt, oder es fr\u00fch genug in den digitalen Orkus gesp\u00fclt wird. Es ist nur verdammt schwer, ohne Zensur auszu\u00fcben, Meinungsfreiheit zu ber\u00fccksichtigen, aber eben anderer Leute W\u00fcrde nicht zu verletzen, dabei den richtigen Mittelweg zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist ein Abbild der Gesellschaft. 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