{"id":5193,"date":"2013-12-07T12:13:26","date_gmt":"2013-12-07T10:13:26","guid":{"rendered":"http:\/\/willsagen.de\/?p=5193"},"modified":"2013-12-07T12:13:26","modified_gmt":"2013-12-07T10:13:26","slug":"untierisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willsagen.de\/?p=5193","title":{"rendered":"Untierisch"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin ja so ein Ern\u00e4hrungsegalist. Hauptsache,\u00a0<em>mir<\/em> schmeckt&#8217;s. Ich wei\u00df, dass das schlimm und b\u00f6se ist und dass ich stellenweise damit auch meine n\u00e4chste Umgebung zur Verzweiflung bringe. Mit vegetarischer oder gar veganer Ern\u00e4hrung oder Lebensweise &#8211; Vegansein ist ja mehr als nur nichts Tierisches zu essen, denn z. B. Leder- und Seidenklamotten sind auch tabu &#8211; muss man mir derzeit nicht kommen. Das ist einfach nichts f\u00fcr mich. Jedenfalls im Moment nicht. Ich will gar nicht ausschlie\u00dfen, dass sich das nicht \u00e4ndern kann, aber im Moment deutet nichts darauf hin. Wobei ich allerdings gut verstehen kann, wenn manche Leute das vor allem aus ethischen Gr\u00fcnden anders sehen. Die Massenproduktion tierischer Produkte ist oftmals eine Ansammlung von Abscheulichkeiten. Ist mir bekannt. Ich kenne die Filme und Bilder von gequ\u00e4lten Kreaturen. Trotzdem bin ich menschliches Arschloch genug, um mich dar\u00fcber hinwegzusetzen. Dass man in seiner Lebensweise aber auch andere Schwerpunkte als ich setzen kann, finde ich absolut in Ordnung. Und wenn man z. B. bei Bekleidung und Ern\u00e4hrung auf tierische Produkte verzichtet, um damit die Lebewesen zu sch\u00fctzen, ist das aller Ehren wert. Dass man sicherlich auch an anderen Stellen in besserem Einklang mit seiner Umwelt leben kann, ist unbestritten. Man kann sich ja alles m\u00f6gliche abgew\u00f6hnen, was der Erde schadet, z. B. Energie zu verbrauchen. Ist ja auch nicht gut, wenn man sich anschaut, wie die derzeit noch meistens f\u00fcr uns erzeugt wird, sei es W\u00e4rme oder Elektrizit\u00e4t oder Mobilit\u00e4t (thermische, elektrische und kinetische Energie). Ich versuche, meistens zu meinen Mitmenschen freundlich zu sein. Ist doch auch was. Au\u00dferdem habe ich keine Haustiere, weil ich mal behaupte, dass sich ein wahrer Tierfreund keine Tiere h\u00e4lt. Essen oder anziehen sollte man sie konsequenterweise allerdings auch nicht. Irgendwas ist ja immer.<\/p>\n<p>Nun war ich gestern also zum ersten Mal in einem veganen Restaurant. Eine angenehme Mitmenschin aus K\u00f6ln, die ich vor meinem Rausschmiss aus der internetten Fiat-500-Welt kennenlernte, weilte wegen einer beruflichen Fortbildung in Berlin. Und sie ist eben Veganerin.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df gar nicht, wie man genau sagt: Veganerrestaurant? Vegan-Restaurant? Keine Ahnung. Wie auch immer. Der Laden, Mio Matto in Friedrichshain, war jedenfalls gut besucht. Die Tischreservierung ging vorab \u00fcber&#8217;s Internet. Ist ganz praktisch gemacht und zugleich modern, wobei sich so ein alter Mann wie ich nat\u00fcrlich fragt, ob das auch alles funktioniert und man am Eingang dann stammelt: &#8222;Ich hatte einen Tisch f\u00fcr vier reserviert &#8230; also, \u00e4h, \u00fcber diese Internetseite. \u00c4h, ne?&#8220; Der freundliche Mann am Empfang, der Chef, wie ich kurz darauf von meiner Bekannten erfuhr, die sich in der Vegan-Szene gut auskennt, nahm mir aber gleich meine Unsicherheit ab und f\u00fchrte mich zum Tisch. Hm. Okay? Da sollte ich also die n\u00e4chste mindestens zwei Stunden hocken. Die Tische im Gastraum sind auf verschiedenen H\u00f6hen angeordnet. Es gibt ein paar normale Tische mit B\u00e4nken oder St\u00fchlen, vor allem einen gr\u00f6\u00dferen, an dem eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe sa\u00df, die offenkundig gute Kontakte zum Inhaber pflegte, ein paar Tische, die mehr so loungig-couchig flach sind und ein paar Tische, die das alles durch \u00fcberm\u00e4\u00dfige H\u00f6he wieder ausgleichen, n\u00e4mlich mehr so Tische wie im Imbiss, wo man ja gern mal mit lehnenlosen Barhockern die Tische bev\u00f6lkert. Und an so einen Tisch f\u00fchrte mich nun also der Chef. Genauer gesagt waren es 4 Zweiertische, von denen zwei einzeln und zwei zu einer Gruppe &#8211; f\u00fcr uns &#8211; zusammengestellt waren. Ich zw\u00e4ngte mich v\u00f6llig egoistisch auf die Bank, die eine etwas klapprige R\u00fcckwand hatte, aber man konnte sich immerhin anlehnen. Die Durchschl\u00fcpfbreite zum Tisch hat man eher nicht f\u00fcr Leute meines Formats eingerichtet, stellte ich schnell fest. Ich hatte das aber gerade alles geschafft und sa\u00df nun mit einer Frau auf der durchgehenden Bank und kippte mit dem ganzen Ger\u00e4t erst mal leicht nach vorn. Ups. Schon trafen mich ein bisschen w\u00fctende Blicke der beiden Frauen vom Nebentisch, die sich gerade \u00fcber ihre optisch ansprechende Vorspeise hermachen wollten.<\/p>\n<p>Weil die Frau neben mir sowohl ihre Tasche als auch Jacke neben sich auf der Bank zwischen uns aufget\u00fcrmt hatte, stopfte ich meine gef\u00fctterte Winterjacke samt Handschuhen, Schal und M\u00fctze auch dorthin. Wenige Sekunden sp\u00e4ter kam der Chef wieder an und fragte mich sehr freundlich, ob er meine Jacke zur Garderobe bringen sollte. Ich wollte noch sagen, er k\u00f6nne ja auch gleich die Jacke meiner Nachbarin mitnehmen, begegnete aber nur mit einem &#8222;Gern, vielen Dank&#8220;, worauf er mich noch daran erinnerte, keine Wertsachen in der Jacke zu lassen, und schon war ich meine Jacke los. Mit dem Resultat, dass ich nun den Rest des Abends zum Teil auf der Jacke meiner Nachbarin sa\u00df. Das st\u00f6rte mich nicht gro\u00dfartig, denn die Holzbank war ansonsten nicht gepolstert und ich wurde schnell auf eine Fehlkonstruktion aufmerksam: Die Fu\u00dfst\u00fctzen. Bevor ich die zu weit hinten und zu tief angebrachten Metallstreben ertastet hatte, baumelten meine F\u00fc\u00dfe erst eine ganze Weile unter dem Tisch, w\u00e4hrend ich mir das Publikum &#8211; ich war ja noch allein &#8211; mal genauer anschaute. Nach kurzer Zeit lie\u00df meine Konzentration auf die Mitesser aber nach, weil sich die Kante der Bank unangenehm in meine Oberschenkel bohrte, vor allem dort, wo ich nicht auf der Jacke meiner Nachbarin sa\u00df, die immer noch keine Anstalten machte, ihre Sachen z. B. auf die andere &#8211; freie &#8211; Seite zu bef\u00f6rdern, oder wenigstens dichter an sich heranzuziehen. Ich traute mich nat\u00fcrlich nicht, die Sachen offensichtlich zu ber\u00fchren und sparte mir auch eine Bemerkung. Es st\u00f6rte mich ja nicht so richtig, ich fand es nur etwas unh\u00f6flich. Ich dachte so bei mir, na, <em>die<\/em>\u00a0ist bestimmt nicht aus ethischer \u00dcberzeugung Veganerin mit Respekt vor <em>allen<\/em> anderen Lebewesen, sondern w\u00fcrde eher einen Spielplatz in der Nachbarschaft wegklagen, damit dort ein Heim f\u00fcr jaulende Katzen und kl\u00e4ffende Hunde er\u00f6ffnen k\u00f6nnte. Auch viele andere G\u00e4sten machten auf den Misanthropen in mir mit ihrem Habitus jetzt nicht den Eindruck, auf m\u00f6glichst harmonisches Zusammenleben mit allen Gesch\u00f6pfen ausgerichtet zu sein, sondern es waren eben die ganz normalen Mittzwanziger bis -f\u00fcnfziger, wie man sie \u00fcberall in Mitte, X-Berg oder Friedrichshain finden kann. So mittel- bis \u00fcberdurschnittlich erfolgreiche, eher nicht altruistisch wirkende Mittelschichtler, die sich aber selbst bestimmt voll tolerant finden. Vegan ist eben im Mainstream angekommen. Punkt. Manch einer isst eben komische Dinge, nur weil es gerade angesagt ist. Das gilt ja f\u00fcr viele Dinge, nicht nur f\u00fcr vegane Ern\u00e4hrung. Eine ernsthafte Lebenseinstellung steckt nur bei wenigen dahinter, behaupte ich mal (ohne das aber n\u00e4her zu wissen).\u00a0Wie man sich ernsthaft Fischeier, H\u00fchnerf\u00fc\u00dfe, Kalbszunge, Rindsleber, Froschschenkel oder Weinbergschnecken und Miesmuscheln, aber auch Spargel und Artischocken oder Fische, die einen noch angucken, in den Hals stopfen kann, werde <em>ich<\/em> aus Ekelgr\u00fcnden nie verstehen.<\/p>\n<p>Apropos essen. Inzwischen war unserer Essmannschaft auf vier Personen zur geplanten Gr\u00f6\u00dfe gewachsen, und wir bestellten Getr\u00e4nke. Ich trinke ja gern Bier. Ein Blick in die Karte beruhigte mich: Bier scheint als vegan zu gelten, obwohl, Achtung, Veganer-Bullshit-Bingo: darin Hefe enthalten ist. Haha. Wein g\u00e4be es auch, den hatte ich aber am Vortag genug genossen &#8230; Man bestellte sich auch hei\u00dfen Sanddornsaft. Ob ich mal probieren wolle? Ne, lass ma. Und nahm einen Schluck von meinem leckeren B\u00fcrgerbr\u00e4u Rotkehlchen (M\u00f6\u00f6\u00f6p &#8211; Vegan-Bullshit-Bingo: Mein Lebensmittel hat Tiernamen!) Die anderen bestellten sich noch eine Vorspeisenplatte. So antipastim\u00e4\u00dfig eingelegt. Damit kann ich ja nichts anfangen. \u00dcberhaupt, kaltes und s\u00fc\u00dfes Essen. Ist ja nicht so meins. Auf den mit der Vorspeise bestellten Hauptgang haben wir dann sage und schreibe ne Stunde gewartet. Ganz sch\u00f6n lange f\u00fcr ein paar Nudeln und ne Pizza. Letztere hatte ich mir bestellt, wobei mir von unserer einzigen richtigen Veganerin am Tisch eher nicht dazu geraten worden w\u00e4re. So bekam ich dann also irgendwann meine Quattro Stagioni. Die Pizza sah lecker aus, vielleicht etwas trocken, aber so ne matschige Pizza, aus der das \u00d6l zu allen Seiten rausl\u00e4uft, finde ich auch nicht so dolle. Geschmacklich wirklich gut. Belegt unter anderem mit Salami- und Schinkenersatzscheiben. Kann man sich ja fragen, ob das nicht generell Unsinn ist. Aber ich wollte eben auch gern mal testen, wie gut das geschmacklich so hinkommt. Kann man machen, is okay, so mein Urteil. Die anderen waren von ihren Speisen auch begeistert, vor allem vom Geschmack. Es war alles sehr gut und einfallsreich gew\u00fcrzt. Nur h\u00e4tte es etwas reichhaltiger und w\u00e4rmer sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach ein paar weiteren Bierchen und einer Nachspeiseportion, an der ich nicht beteiligt war, an der man aber vor allem die Pseudo-Sahne lobte, klang der Abend dann aus und ich wurde auch von meiner kantigen Bank erl\u00f6st. Was nehme ich au\u00dfer einem vollen Bauch mit nach Hause? Vegan essen geht, muss f\u00fcr mich aber nicht sein. Vegane Lebensweise ist in jedem Fall konsequenter als vegetarische Ern\u00e4hrung. Wenn ich \u00fcberhaupt einen Schnitt machen w\u00fcrde, k\u00e4me vegetarische Ern\u00e4hrung nicht in Frage, weil mir das zu halbgar w\u00e4re. Es w\u00fcrden ohnehin vorwiegend ethische Gr\u00fcnde bei mir dazu f\u00fchren. Vegetarier k\u00f6nnte ich nur sein, wenn ich mich z. B. vor Fleisch ekeln w\u00fcrde oder ich den Geschmack nicht mehr m\u00f6gen w\u00fcrde. Eine Lebenseinstellung ist das aber sicherlich nicht. Jedenfalls nicht f\u00fcr mich. Immerhin denke ich aber im Moment verst\u00e4rkt dar\u00fcber nach, was eigentlich woher kommt, und wer oder was daf\u00fcr gelitten haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ach ja. N\u00e4chste Woche wird abgegrillt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin ja so ein Ern\u00e4hrungsegalist. Hauptsache,\u00a0mir schmeckt&#8217;s. 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