{"id":5288,"date":"2014-02-01T12:36:21","date_gmt":"2014-02-01T10:36:21","guid":{"rendered":"http:\/\/willsagen.de\/?p=5288"},"modified":"2014-02-01T12:36:21","modified_gmt":"2014-02-01T10:36:21","slug":"von-datenschutz-und-taeterschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willsagen.de\/?p=5288","title":{"rendered":"Von Datenschutz und T\u00e4terschutz"},"content":{"rendered":"<p>Ich komme gerade vom 52. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Dort habe ich am Arbeitskreis VII &#8222;Wem geh\u00f6ren die Daten?&#8220; teilgenommen. Ich komme einigerma\u00dfen verst\u00f6rt von dort wieder.<\/p>\n<p>Ich fange mal mit einer Plattit\u00fcde an: &#8222;Ich bin ja auch f\u00fcr Datenschutz, aber &#8230;&#8220;:<\/p>\n<p>Derzeit fahren Autos ziemlich autonom durch die Gegend, also nicht ohne Fahrer (das kommt erst noch), aber unbeobachtet. Was an Daten in den Fahrzeugsystemen produziert wird, bleibt in aller Regel auch im Fahrzeug, ist ohnehin gr\u00f6\u00dftenteils fl\u00fcchtig. Problematisch wird es in dem Moment, wo das Auto \u00fcber mehr als eine einseitige Funkverbindung via Autoradio verf\u00fcgt. So war &#8222;eCall&#8220; ein gro\u00dfer Streitpunkt. eCall ist ein Notfallalarmsystem, das bei einer Airbagausl\u00f6sung aktiv wird. Es wird 2015 f\u00fcr alle Neufahrzeuge eingef\u00fchrt. Wenn ein Airbag ausl\u00f6st, geht man erst mal von einem schweren Unfall aus. Sicherlich kein schlechter Ansatz. Das System nimmt dann Kontakt mit einer Notrufzentrale auf, um Rettungswege und -zeiten zu verk\u00fcrzen. Keine \u00fcble Idee. Mit dem Notruf, der erst mal nur eine Sprechverbindung zwischen Auto und Notrufzentrale herstellt, werden aber auch logischerweise die Standortdaten \u00fcbermittelt, sonst w\u00fcrde das ja alles keinen Sinn machen. Auf dieses Datenpaket k\u00f6nnen noch andere Informationen, wie z. B. Geschwindigkeiten aufgesattelt werden. Und da treten nat\u00fcrlich nun die Datensch\u00fctzer auf den Plan, die sagen, der Insasse m\u00fcsse selbst entscheiden k\u00f6nnen, was \u00fcber ihn in die &#8222;Cloud&#8220; geblasen wird, Stichwort informationelle Selbstbestimmung, sprich eCall m\u00fcsse man entweder ausschalten oder \u00fcberhaupt erst auf Wunsch einschalten k\u00f6nnen. Ob aber der Fahrer z. B. \u00fcber die Rettung des Beifahrers entscheiden darf? Schwer zu sagen. Jedenfalls m\u00fcsse es auch in Zukunft noch m\u00f6glich sein, im Suff unbeobachtet in den Graben oder von seiner Geliebten nach Hause fahren zu k\u00f6nnen, selbst wenn man dabei einen Unfall hat, so die beklatschte Meinung einiger Teilnehmer.<\/p>\n<p>Das erste gro\u00dfe Problem ist, dass die versammelten Juristen immer nur von &#8222;den Daten&#8220; sprechen, ohne auch nur ansatzweise zu differenzieren. So hat es sich dann auch in den <a href=\"http:\/\/www.deutscher-verkehrsgerichtstag.de\/images\/pdf\/empfehlungen_52_vgt.pdf\" target=\"_blank\">Empfehlungen<\/a> niedergeschlagen. Mobilit\u00e4tsdaten, Telemedienverbindungsdaten, Fahrdaten, Steuerger\u00e4tedaten: Egal, Daten sind Daten. Mein Versuch, hier etwas Klarheit zu schaffen, ist leider fehlgeschlagen. Man hat es einfach nicht verstanden oder verstehen wollen (Immerhin wei\u00df die Rechtsabteilung von BMW jetzt, dass mein Z3 eine sicherheitsrelevante Fehlfunktion hatte.)<\/p>\n<p>Gerade in der heutigen Zeit der Geheimdienstaff\u00e4ren ist es schwer, einen objektiven Blick zu bewahren. Es ist ein schwieriger Spagat wie auch bei \u00dcberwachungskameras, was an Daten missbraucht werden kann und wieweit der Einzelne davor zu sch\u00fctzen ist, oder ob er eben auch im Sinne des Allgemeinwohls einen Teil seiner Daten preisgeben muss.<\/p>\n<p>Das Auto als Zeuge der Anklage<\/p>\n<p>Eine Anw\u00e4ltin auf dem Podium berichtete \u00fcber zwei Beispiele: Eine Autofahrerin hatte beim Starten und Anfahren ihres Autos eine andere Person umgefahren, die dadurch zu Tode gekommen war. Sie war verurteilt worden, obwohl sie stets beteuerte, ihr Auto habe von selbst Gas gegeben. Das hatte ihr aber keiner geglaubt. Zwei Jahre sp\u00e4ter sei dieser Fahrzeugtyp aufgrund solcher Vorkommnisse in die Werkst\u00e4tten zur\u00fcckgerufen worden.<\/p>\n<p>Im anderen Fall kam es zu einem Kreuzungsunfall auf einer inner\u00f6rtlichen rechts-vor-links-Kreuzung. Das von rechts kommende Fahrzeug war laut klassischer Unfallrekonstruktion nicht zu schnell, also eine eindeutige Vorfahrtsverletzung, bei der der Beifahrer im von links kommenden Fahrzeug schwer verletzt wurde. Eine Auswertung der &#8222;Daten&#8220; (welcher auch immer) h\u00e4tte ergeben k\u00f6nnen, dass das von rechts kommende Fahrzeuge aus 93 km\/h abgebremst worden sei. Dadurch erg\u00e4be sich ein erheblicher Mitverschuldensanteil, vielleicht w\u00fcrde sich aufgrund der enormen \u00dcbertretung der H\u00f6chstgeschwindigkeit das Verschulden auch vollst\u00e4ndig umdrehen.<\/p>\n<p>Bremsspuren gab es &#8222;dank&#8220; ABS nicht.<\/p>\n<p>Auch so ein Punkt: W\u00e4hrend heute einige Daten \u00fcber einen Unfall im Fahrzeug stecken, an die aber niemand so einfach rankommt und ran darf, kann ich mich nicht erinnern, dass man fr\u00fcher nach einem Unfall als erstes die Bremsspur abdeckte, um den Fahrer davor zu sch\u00fctzen, das m\u00f6glicherweise seine \u00fcberh\u00f6hte Ausgangsgeschwindigkeit offenbar wurde. Auch Bremsspurl\u00e4ngen sind in meinen Augen Daten, die Informationen \u00fcber den Unfall bereitstellt. Im Gegensatz zu der L\u00e4nge der Spur, die man mit einem Messrad ausmessen kann, ist es technisch aber bedeutend schwieriger, einem Auto etwaige Informationen dieser Art zu entlocken, weil das einfach nicht vorgesehen ist. Und an der Stelle bekommen die Vernetzung der Fahrzeuge und die immer komplizierter werdenden Fahrzeugsysteme eine ganz neue Brisanz.<\/p>\n<p>Assistenzsysteme werden immer st\u00e4rker direkt in das Fahrverhalten Eingriff nehmen k\u00f6nnen. Dazu wird das Wiener Abkommen \u00fcber den Stra\u00dfenverkehr sukzessiv aufgeweicht, um Funktionen wie z. B. &#8222;steer by wire&#8220; zuzulassen. Es hei\u00dft zwar im Grunde, dass der Fahrer stets die Systeme eines Fahrzeugs \u00fcbersteuern k\u00f6nnen muss, also stets Herr des Geschehens sein muss. Wenn aber eines der Systeme nicht richtig funktioniert, muss der Fahrer das erst mal merken und dann etwas dagegen unternehmen. Dann kann es aber schon zu sp\u00e4t sein.<\/p>\n<p>Wenn das Auto nicht das macht, was der Fahrer will.<\/p>\n<p>Das DSC meines BMW (bei anderen Herstellern unter &#8222;ESP&#8220; bekannt) fing auf gerader Strecke und konstanter Geschwindigkeit mehrfach von selbst an zu regeln und merkte erst nach vielleicht 5 bis 10 Sekunden, dass es nicht richtig funktionierte und sich dann abschaltete. Das h\u00e4tte viel fr\u00fcher geschehen m\u00fcssen! W\u00e4ren mir diese Vorf\u00e4lle auf eisglatter Stra\u00dfe passiert, w\u00e4re ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Schleudern gekommen. Selbst wenn jemand die Steuerger\u00e4te ausgelesen h\u00e4tte, h\u00e4tte f\u00fcr den betreffenden Zeitpunkt vielleicht einen Fehlereintrag gefunden, der ja auch mit dem Unfall in Verbindung stehen k\u00f6nnte. Was f\u00e4hrt der Depp auch in den Graben? Ist ja klar, dass das System dann irgendwas macht. Dass es aber jenes System selbst war, das daf\u00fcr sorgte, dass der Wagen von der Stra\u00dfe abkam: Darauf w\u00e4re keiner gekommen.<\/p>\n<p>Virus im Auto<\/p>\n<p>Und da lauert nun die n\u00e4chste Gefahr: Bei der Programmierung ihrer Systeme kocht jeder Hersteller sein eigenes S\u00fcppchen, von dem er keinem verr\u00e4t, wie er es w\u00fcrzt. Insbesondere sind es die Hersteller aber gew\u00f6hnt, geschlossene Systeme ohne Einflussm\u00f6glichkeit von au\u00dfen zu kreieren. Nun kommt z. B. Audi daher und will demn\u00e4chst Android-Systeme in die Fahrzeuge integrieren. Man kann nur hoffen, dass das Auto vor jedem Fahrtantritt dann erst mal einen aktuellen Virenscanner herunterl\u00e4dt. Denn, es ist ja klar, dass an z. B. Android andockende Infotainmentsysteme eine Verbindung zum Datenbus der Fahrzeuge haben und sei es f\u00fcr die geschwindigkeitsabh\u00e4ngige Lautst\u00e4rkeregelung, so dass es mindestens an dieser Stelle ein m\u00f6gliches Einfallstor f\u00fcr Schadsoftware in Fahrzeugen gibt.<\/p>\n<p>Die anwesenden Hersteller, allen voran Daimler, versuchten, ein Horrorszenario f\u00fcr offene Softwaresysteme in Fahrzeugen aufzubauen: &#8222;Wenn wir in den Fahrzeugen eine offene Softwareplattform haben: M\u00f6chten Sie denn mit Beta-Versionen und ungepr\u00fcften Apps durch die Gegend fahren, die von Leuten programmiert wurden, die davon keine Ahnung haben?&#8220; hie\u00df es von der Seite. Dabei verliert man anscheinend aus den Augen, dass es jetzt schon Leute gibt, die nur nach offenen Einfallstoren in den Fahrzeugen suchen, um sich Zugriff auf Funktionen der Fahrzeuge zu verschaffen. Daf\u00fcr braucht man keine offene Plattform, vor der der Daimler-Mann so warnte. Dass ein Hacker daf\u00fcr sorgen k\u00f6nnte, mal das Licht w\u00e4hrend der Fahrt auszuschalten oder bei &#8222;Steer-by-wire&#8220;-Systemen in die Lenkung einzugreifen, bedarf keiner gro\u00dfen Phantasie. Und ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass die Borniertheit der Hersteller, ach so tolle Premiumprodukte auf den Markt zu bringen, sie blind sein l\u00e4sst gegen Cyberkriminalit\u00e4t. Auch wenn sie tolle Motoren und Fahrwerke bauen k\u00f6nnen: Bei den Softwarel\u00f6sungen sieht es im Frontend oft mau aus. Da ist dahinter auch nicht viel zu erwarten.<\/p>\n<p>Dauernde \u00dcberwachung versus Zeitfensterspeicherung<\/p>\n<p>Die oben bereits erw\u00e4hnte Juristin fand es nach meinem Empfinden in Ordnung, dass Autos ihre Daten verheimlichen. Es ist auch Reflex der Strafverteidiger <em>alles<\/em> daf\u00fcr zu tun, dass keine Informationen \u00fcber das Verhalten ihres Mandanten herauskommen. In der Regel geht es bei Verkehrsunf\u00e4llen, Geschehen, die h\u00e4ufig aus einer Fahrl\u00e4ssigkeit, einem Augenblicksversagen resultieren, \u00a0um Geldstrafen. Dass ein Verkehrsstrafverfahren mal mit einer Freiheitsstrafe auf Bew\u00e4hrung endet, ist schon eine absolute Seltenheit. Da geht es maximal um ein paar Tausend Euro Strafe. Um zu verhindern, dass jemand diese Strafe bezahlen muss, nimmt man billigend in Kauf, dass unter Umst\u00e4nden das Unfallopfer im parallelen Zivilverfahren seine Anspr\u00fcche nicht durchsetzen kann. Es ist vielleicht durch den Unfall sowieso schon entstellt und behindert, hat dann aber auch noch extreme Schwierigkeiten, den erforderlich Hausumbau oder Hilfsmittel, die den Alltag ertr\u00e4glich machen, von der Versicherung des Unfallopfers finanziert zu kriegen. Und das liegt daran, dass der Gesetzgeber es nicht f\u00fcr erforderlich h\u00e4lt, daf\u00fcr zu sorgen, dass ein Zeitfenster von ein paar Sekunden vor und nach dem Unfall eingefroren werden: Kinematikdaten und Schaltzust\u00e4nde von Steuerger\u00e4ten ereignisbezogen (Beschleunigungstrigger, Airbagausl\u00f6sung etc.) aufzuzeichnen und von Berechtigten auslesen zu lassen, sollte m\u00f6glich sein, auch vor dem Hintergrund des Datenschutzes. Die Vertreter der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden machten klar, dass es ihnen hinsichtlich Verkehrsunf\u00e4llen nicht um eine Voll\u00fcberwachung geht. Und solange einjeder sein Handy im Auto nicht ausschaltet, muss er sich eh nicht sorgen, dass er ein Bewegungsprofil hinterl\u00e4sst.\u00a0Darum k\u00fcmmern sich dann schon andere, wie z. B. Google, Facebook, Apple oder NSA.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich komme gerade vom 52. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Dort habe ich am Arbeitskreis VII &#8222;Wem geh\u00f6ren die Daten?&#8220; teilgenommen. Ich komme einigerma\u00dfen verst\u00f6rt von dort wieder. Ich fange mal mit einer Plattit\u00fcde an: &#8222;Ich bin ja auch f\u00fcr Datenschutz, aber &#8230;&#8220;: Derzeit fahren Autos ziemlich autonom durch die Gegend, also nicht ohne Fahrer (das kommt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-5288","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rolling-rolling-rolling"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5288","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5288"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5288\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willsagen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}