{"id":5590,"date":"2014-10-26T11:40:04","date_gmt":"2014-10-26T09:40:04","guid":{"rendered":"http:\/\/willsagen.de\/?p=5590"},"modified":"2014-10-26T11:40:04","modified_gmt":"2014-10-26T09:40:04","slug":"strassenmusik-perlen-vor-die-saeue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willsagen.de\/?p=5590","title":{"rendered":"Stra\u00dfenmusik: Perlen vor die S\u00e4ue"},"content":{"rendered":"<p>Ich glaube, jeder ist wahrscheinlich schon mal \u00fcber diesen oder einen \u00e4hnlichen Text gestolpert:<\/p>\n<blockquote><p>An einer U-Bahnhaltestelle in Washington D. C. spielte ein Mann an einem kalten Januar Morgen f\u00fcr 45 Minuten auf seiner Violine sechs St\u00fccke von Bach. W\u00e4hrend dieser Zeit benutzen ca. 2000 Menschen diese Haltestelle, die meisten auf dem Weg zur Arbeit.<\/p>\n<p>Nach etwa 3 Minuten bemerkte ein Passant die Musik. F\u00fcr ein paar Sekunden verlangsamte er seine Schritte, um dann schnell wieder seinen Weg zur Arbeit fortzusetzen.<\/p>\n<p>4 Minuten sp\u00e4ter erh\u00e4lt der Geiger seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft ihm ihren Dollar in den Hut ohne ihr Tempo zu verringern.<\/p>\n<p>Nach etwa 6 Minuten lehnt sich ein junger Mann gegen die Wand um zuzuh\u00f6ren. Dann blickt er auf seine Uhr und setzt seinen Weg fort.<\/p>\n<p>10 Minuten sp\u00e4ter bleibt ein etwa 3j\u00e4hriger Junge stehen, aber seine Mutter zieht ihn sofort. Das Kind bleibt erneut stehen, um dem Musiker zuzusehen, aber seine Mutter treibt ihn an und das Kind geht weiter.<\/p>\n<p>Mehrere andere Kinder verhalten sich ebenso. Aber alle Eltern, ohne Ausnahme, dr\u00e4ngen ihre Kinder zum schnellen weitergehen.<\/p>\n<p>Nach 45 Minuten: Der Musiker spielt ohne abzusetzen. Nur 6 Menschen insgesamt blieben stehen und h\u00f6ren f\u00fcr kurze Zeit zu. Zirka 20 Personen geben ihm Geld und gehen in ihrer normalen Geschwindigkeit weiter. Die Gesamteinnahmen des Mannes sind 32 Dollar.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde beendet der Musiker seine Darbietung und es wird still. Niemand nimmt Notiz und niemand applaudiert. Es gibt keine Anerkennung\u2026.<\/p>\n<p>Niemand wusste es, aber der Violinist war Joshua Bell, einer der gr\u00f6\u00dften Musiker der Welt. Er spielte eines der komplexesten und schwierigsten Musikst\u00fccke, die je geschrieben wurden auf einer Violine im Wert von 3,5 Mio Dollar. 2 Tage zuvor spielte Joshua Bell vor ausverkauften Haus in Boston das gleiche St\u00fccke, zu einem Durchschnittspreis von 100 Dollar pro Platz.<\/p>\n<p>Dies ist eine wahre Geschichte. Joshua Bell spielte inkognito in der Untergrundstation. Auftraggeber dieses sozialen Experiments \u00fcber Wahrnehmung, Geschmack und Priorit\u00e4ten war die Washington Post.<\/p>\n<p>Diese Experimente warf folgende Fragen auf:<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir Sch\u00f6nheit in einem allt\u00e4glichen Umfeld, zu einem unangemessenen Zeitpunkt wahrnehmen? Wenn dem so ist, nehmen wir uns Zeit sie Wertzusch\u00e4tzen? Erkennen wir Talent in einem unerwarteten Kontext?<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Schlussfolgerung dieses Experiments k\u00f6nnte sein:<\/p>\n<p>Wenn wir nicht einmal einen Moment Zeit haben anzuhalten, um einem der besten Musiker der Welt zuzuh\u00f6ren, w\u00e4hrend er eines der wundervollsten Musikst\u00fccke spielt auf einem der sch\u00f6nsten Instrumente, die je gebaut wurden\u2026<\/p>\n<p>\u2026 wie viel andere Gelegenheiten verpassen wir, wenn wir durch unser Leben hasten?<\/p><\/blockquote>\n<p><a title=\"Onyx Ashanti by mompl, on Flickr\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/mompl\/4632601730\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3401\/4632601730_16c8b6836e_m.jpg\" alt=\"Onyx Ashanti\" width=\"159\" height=\"240\" \/><\/a>Ach, da kommen einem ja echt die Tr\u00e4nen ob so gro\u00dfer Unbarmherzigkeit. Ganz ehrlich? Ich w\u00e4re auch schleunigst weitergegangen. Erstens habe ich keinen Zugang zu klassischer Musik und zweitens finde ich Sologeige \u00fcberwiegend furchtbar. Streicher gehen erst bei n&gt;3.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem\u00a0suggeriert das ja, dass \u00fcberhaupt jemand in der Lage w\u00e4re, die Qualit\u00e4t der musikalischen Darbietung erkennen zu m\u00fcssen. Selbst wenn man es wollte: Die allermeisten sind doch so derma\u00dfen musikalische Blindg\u00e4nger, dass sie das nie erkennen w\u00fcrden. Vor allem den Wert eines Instruments heraush\u00f6ren zu k\u00f6nnen, gelingt vlt. 0,01 % der in Frage kommen Zuh\u00f6rer, zu denen ich auch nicht geh\u00f6ren w\u00fcrde. Deswegen gehen sie wahrscheinlich auch ins Konzerthaus, weil die Wahrscheinlichkeit gr\u00f6\u00dfer ist, dort Qualit\u00e4t geboten zu bekommen, ohne das selbst beurteilen zu k\u00f6nnen oder m\u00fcssen. Nur weil man einen dunklen Anzug oder ein Abendkleid zu einer Musikdarbietung anzieht, hei\u00dft das noch lange nicht, dass in der Verkleidung auch ein Musikkenner steckt. Auf der R\u00fcckfahrt h\u00f6ren sie\u00a0wahrscheinlich schon wieder Helene Fischer oder die Randfichten. Btw.: Jede Karte f\u00fcr die\u00a0Staatsoper wird mit je <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/oeffentliche-zuschuesse-257-euro-fuer-einen-besuch-in-der-staatsoper\/9319194.html\" target=\"_blank\">257 Euro<\/a> gesponsert! Das nur am Rande.<\/p>\n<p><a title=\"Rupert's Kitchen Orchestra by mompl, on Flickr\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/mompl\/10000041294\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/farm6.staticflickr.com\/5488\/10000041294_e48572c31b_m.jpg\" alt=\"Rupert's Kitchen Orchestra\" width=\"240\" height=\"160\" \/><\/a>Was mich aber am meisten schmerzt, und damit tut man sehr vielen Stra\u00dfenmusikern Unrecht, dass man zwangsl\u00e4ufig impliziert, nur etablierte Profimusiker w\u00e4ren in der Lage, ihr Instrument hervorragend bedienen zu k\u00f6nnen. Wahrscheinlich gehen die Leute nur deswegen vorbei, weil ihnen auf der Stra\u00dfe ganz oft hervorragende Musik* geboten wird und es keinen Unterschied macht, wenn da ein Supergeiger steht.<\/p>\n<p>_______________________________________________<\/p>\n<p>*Es gibt allerdings auch ganz viele Stra\u00dfenmusiker, die besser zu Hause bleiben sollten\u00a0&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich glaube, jeder ist wahrscheinlich schon mal \u00fcber diesen oder einen \u00e4hnlichen Text gestolpert: An einer U-Bahnhaltestelle in Washington D. C. spielte ein Mann an einem kalten Januar Morgen f\u00fcr 45 Minuten auf seiner Violine sechs St\u00fccke von Bach. W\u00e4hrend dieser Zeit benutzen ca. 2000 Menschen diese Haltestelle, die meisten auf dem Weg zur Arbeit. 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