{"id":6050,"date":"2016-03-12T00:02:30","date_gmt":"2016-03-11T22:02:30","guid":{"rendered":"http:\/\/willsagen.de\/?p=6050"},"modified":"2019-11-20T14:53:48","modified_gmt":"2019-11-20T13:53:48","slug":"elternbesuch-eine-zeitreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willsagen.de\/?p=6050","title":{"rendered":"Elternbesuch &#8211; eine Zeitreise"},"content":{"rendered":"<p>Meine Eltern sind zu Besuch. Mal abgesehen davon, dass ich mich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen kann, dass sie die f\u00fcr ihr Alter durchaus anstrengende Anreise auf sich nehmen, haben sie immer wieder Spannendes zu berichten.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich waren sie auf dem Geburtstag der Tochter meines Cousins und seiner Frau eingeladen. Dort begab sich eine interessante Szene.<\/p>\n<p>Eine alte Dame, um die 90 Jahre alt, stellte sich als Pflichtjahrm\u00e4dchen (Ich benutze hier gerade wohl eine Vokabel aus den 1930\/1940er Jahren) heraus, die im gleichen Stadtteil Osnabr\u00fccks t\u00e4tig war, in dem\u00a0meine Mutter und ihre Familie wohnte, rund um den Osnabr\u00fccker Neumarkt. Der Vater meiner Mutter war G\u00e4rtnermeister. Man baute am Stadtrand Gem\u00fcse an und hatte\u00a0am <a href=\"https:\/\/www.google.de\/maps\/place\/Gr%C3%BCner+Brink,+49074+Osnabr%C3%BCck\/@52.272587,8.0445592,17z\/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x47b9e5913e3edf43:0x67b7219ed7026c8e!8m2!3d52.272587!4d8.0467479\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gr\u00fcnen Brink<\/a> einen Gem\u00fcseladen.<\/p>\n<p>In jener Zeit durften j\u00fcdische B\u00fcrger erst ab\u00a012.00 Uhr einkaufen, also zu einer Zeit, in der in den Mangeljahren entweder schon alles verkauft war oder nur noch kl\u00e4gliche Reste vorhanden waren. Meine Urgro\u00dfmutter, die den Laden betrieb, legte f\u00fcr die Menschen j\u00fcdischen Glaubens in Osnabr\u00fcck stets ein paar Kohlk\u00f6pfe und \u00e4hnliches zur\u00fcck, damit auch sie etwas zu essen kaufen konnten.<\/p>\n<p>Das wurde von Nazis beobachtet.<\/p>\n<p>Nun berichtete auf obiger Geburtstagsfeier jene alte Dame, dass sie in dem Laden zugegen war, als in den fr\u00fchen 1940er Jahren ein &#8222;wichtiger&#8220; Nazi Osnabr\u00fccks, dessen Name seit vielen Jahrzehnten stets in Erz\u00e4hlungen meiner Mutter Erw\u00e4hnung findet, meiner Urgro\u00dfmutter folgendes androhte:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn Sie die Juden weiterhin versorgen, werde ich Sie erschie\u00dfen m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Meine Urgro\u00dfmutter sagte darauf:<\/p>\n<p>&#8222;Dann erledigen Sie das doch gleich hier.&#8220;<\/p>\n<p>Weil meine Gro\u00dfeltern und Urgro\u00dfeltern bekannt f\u00fcr ihre ablehnende Haltung gegen\u00fcber der NSDAP waren, hatte man ihnen auch eine Spendendose hingestellt, mit der mein Uropa Geld f\u00fcr die &#8222;Partei&#8220; sammeln sollte. Er hat sich geweigert.<\/p>\n<p>Jene Osnabr\u00fccker Nazis, jene, die in der Nachkriegszeit wieder ganz normal ihren Gesch\u00e4ften nachgingen und gl\u00fccklich mit ihrer Familie im Nachkriegs-Osnabr\u00fcck lebten, haben wahrscheinlich auch daf\u00fcr gesorgt, dass mein Opa 1944 als Vater von vier Kindern und G\u00e4rtnermeister (damit wichtig f\u00fcr die Versorgung der Bev\u00f6lkerung) zur Wehrmacht eingezogen wurde und in der Normandie gefallen ist. Er wurde &#8222;nur&#8220; als vermisst gemeldet, weil man keine sterblichen Reste fand. Es hat nie eine Best\u00e4tigung gegeben, dass er gestorben ist, noch gibt es ein Grabst\u00e4tte. Meine Oma hat nie wieder geheiratet, weil sie bis zu ihrem Lebensende die Hoffnung hatte, dass ihr geliebter Philipp zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n<p>Solche Berichte, die von Zivilcourage zeugen, wie ich sie gerne h\u00e4tte, d\u00fcrfen nicht in Vergessenheit geraten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Eltern sind zu Besuch. 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