Elternbesuch – eine Zeitreise

12. März 2016 · Will Sagen

Meine Eltern sind zu Besuch. Mal abgesehen davon, dass ich mich glücklich schätzen kann, dass sie die für ihr Alter durchaus anstrengende Anreise auf sich nehmen, haben sie immer wieder Spannendes zu berichten.

Kürzlich waren sie auf dem Geburtstag der Tochter meines Cousins und seiner Frau eingeladen. Dort begab sich eine interessante Szene.

Eine alte Dame, um die 90 Jahre alt, stellte sich als Pflichtjahrmädchen (Ich benutze hier gerade wohl eine Vokabel aus den 1930/1940er Jahren) heraus, die im gleichen Stadtteil Osnabrücks tätig war, in dem meine Mutter und ihre Familie wohnte, rund um den Osnabrücker Neumarkt. Der Vater meiner Mutter war Gärtnermeister. Man baute am Stadtrand Gemüse an und hatte am Grünen Brink einen Gemüseladen.

In jener Zeit durften jüdische Bürger erst ab 12.00 Uhr einkaufen, also zu einer Zeit, in der in den Mangeljahren entweder schon alles verkauft war oder nur noch klägliche Reste vorhanden waren. Meine Urgroßmutter, die den Laden betrieb, legte für die Menschen jüdischen Glaubens in Osnabrück stets ein paar Kohlköpfe und ähnliches zurück, damit auch sie etwas zu essen kaufen konnten.

Das wurde von Nazis beobachtet.

Nun berichtete auf obiger Geburtstagsfeier jene alte Dame, dass sie in dem Laden zugegen war, als in den frühen 1940er Jahren ein „wichtiger“ Nazi Osnabrücks, dessen Name seit vielen Jahrzehnten stets in Erzählungen meiner Mutter Erwähnung findet, meiner Urgroßmutter folgendes androhte:

„Wenn Sie die Juden weiterhin versorgen, werde ich Sie erschießen müssen.“

Meine Urgroßmutter sagte darauf:

„Dann erledigen Sie das doch gleich hier.“

Weil meine Großeltern und Urgroßeltern bekannt für ihre ablehnende Haltung gegenüber der NSDAP waren, hatte man ihnen auch eine Spendendose hingestellt, mit der mein Uropa Geld für die „Partei“ sammeln sollte. Er hat sich geweigert.

Jene Osnabrücker Nazis, jene, die in der Nachkriegszeit wieder ganz normal ihren Geschäften nachgingen und glücklich mit ihrer Familie im Nachkriegs-Osnabrück lebten, haben wahrscheinlich auch dafür gesorgt, dass mein Opa 1944 als Vater von vier Kindern und Gärtnermeister (damit wichtig für die Versorgung der Bevölkerung) zur Wehrmacht eingezogen wurde und in der Normandie gefallen ist. Er wurde „nur“ als vermisst gemeldet, weil man keine sterblichen Reste fand. Es hat nie eine Bestätigung gegeben, dass er gestorben ist, noch gibt es ein Grabstätte. Meine Oma hat nie wieder geheiratet, weil sie bis zu ihrem Lebensende die Hoffnung hatte, dass ihr geliebter Philipp zurückkehrt.

Solche Berichte, die von Zivilcourage zeugen, wie ich sie gerne hätte, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Fotografieren für einen guten Zweck? Und das so meta.

15. Februar 2016 · Will Sagen

(Update1: Kate ist gar nicht von designboom, sondern hat die Bilder dort gesehen und fragt jetzt für Ihre eigene Seite. Ich habe das falsch verstanden. :/ Aber sie will $100 spenden. Nachtrag: Ihr Artikel ist erschienen.)

(Update2: Hier ist dann die nächste Seite, die meine Fotos kommerziell ohne Erlaubnis verwendet. Nachtrag: Wie es aussieht, sind das gute Leute, die schon viel getan haben und wir sind uns einig geworden)

(Update 3: Hier die dritte Seite, diesmal nicht mal mit Nennung des Fotografen. Seufz.)

(Update 4: Ich habe eine weitere Anfrage mit einer Bitte um eine Spende beantwortet)

(Update 5: Dies wäre dann die vierte Seite, auf der meine Bilder auftauchen. Da ist es nicht so leicht, einen Kommentar zu hinterlassen.)

 

Meine Fotos auf flickr veröffentliche ich in der Regel unter einer Creative Commons-Lizenz mit den Einschränkungen:

  • Namensnennung (bzw. Link zur Quelle)
  • keine kommerzielle Verwendung
  • keine Veränderung.

Ai WeiweiNun hält sich natürlich nicht jeder daran. Eben bekam ich eine Anfrage der mir bislang unbekannten amerikanischen Seite „designboom.com„, weil man unter anderem das Foto links verwenden wollte. Es zeigt die Kunstaktion von Ai Weiwei, der die Säulen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit tausenden Rettungswesten von Geflüchteten, die in Lesbos angekommen sind, verhüllt hat. Wir sind dort am Samstag spontan vorbeigekommen, als noch aufgebaut wurde, und ich habe natürlich fotografiert.

Allerdings hat designboom erst mal veröffentlicht, auch auf Facebook, und dann gefragt:

Da ich das ja falsch verstanden habe, noch mal neu. Also: Nachdem Kate meine Fotos bei designboom (die sich auf Facebook und in ihrem Blog übrigens genauso tot stellen, wie die anderen Seiten), fragt sie, ob sie die Bilder verwenden darf:

Hello! I was hoping to get permission to use the images that DesignBoom used in their article on Ai Weiwei’s installation here: http://www.designboom.com/art/ai-weiwei-life-jackets-refugee-konzerthaus-berlin-02-15-2016/. Could I have permission your images? Of course I will link credit back to you! Thanks and I hope you have a great Monday!

In meinem nur so mittelguten Englisch habe ich geantwortet:

Hi Kate,

as I can see my photos are already part of your article.

Please give a donation of an amount which is ok for you or rather your
company (not too small) to a refugee relief organization of your choice and let me please know about it.

I do not know if you are informed about  the huge number of people
from Syria, Iraq and Afghanistan coming to Europe, especially Germany.
They are thousands and thousands of poor, scared people looking for
safety.

Thanks!

Ich bin ja mal gespannt, ob ich davon noch mal was höre.

Kate hat sich gemeldet, und möchte $100 spenden. Ich vermute, dass die anderen, die nicht vorher fragen, ungeschoren davon kommen, wenn ich nichts unternehme. 🙁

Weitere 360 € sind aus Frankreich vom La Réserve Magazine gespendet worden (obwohl sie meine Bilder letztlich nicht genutzt haben).

Das musikalische Bohrgerät

9. Februar 2016 · Will Sagen

Heute im Hof hinter dem Büro hörte ich plötzlich ungewohnte Töne durchs geschlossene Fenster dringen. Eindeutig eine Naturtonreihe, die da erklang.

Man könnte daraus bestimmt was Cooles zusammensamplen. Wer weiß, wofür man den Sound mal brauchen könnte. Ob das Ding immer solche Geräusche macht oder es an der Bodenschaffenheit liegt? Keine Ahnung.

(Ja, das Video ist hochkant aufgenommen. Das Bohrgerät ist ja auch mehr vertikal ausgerichtet, und links und rechts daneben gibt es nicht viel zu sehen.)

Second Life für Magsafe 1 #rp16 – Kaputte Netzteile gesucht!

13. Januar 2016 · Will Sagen

Ich habe für die re:publica 2016 eine Workshop-Session eingereicht. Und zwar möchte ich zusammen mit Andrea vom Techniktagebuch die Reparatur von Magsafe-Netzteilen (Typ 1) vorstellen. Ob die Session angenommen wird, erfahre ich wohl in etwa 6 Wochen.

Magsafe-Netzteile für Macbooks haben häufig nur ein kurzes Leben. Während Trafo/Spannungswandler meistens noch funktionieren, leiden die Kabel z. B. unter falscher Wickeltechnik oder Materialermüdung und brechen entweder am Stecker oder am Netzteilgehäuse. Bevor man sie in den Elektroschrott gibt, lohnt es sich aber, wenigstens einen Reparaturversuch zu starten.

FullSizeRenderZuerst hat mir Kathrin Passig ihre umfangreiche Sammlung kaputter Magsafe1-Netzteile zur Verfügung gestellt, an denen ich ein bisschen üben konnte. Das hat eigentlich ganz gut geklappt. Dann habe ich zusammen mit Andrea das Netzteil ihres Macbooks repariert. Dabei hat es sich als sehr hartnäckig herausgestellt, so dass wir viel über die Fallstricke gelernt haben, die die kleinen Mistviecher bereithalten können.

Zu Beginn der Session sollen die typischen Beschädigungen vorgestellt werden. Es gibt Fehler, die sich einfacher als andere reparieren lassen, womit sich die Reparaturwürdigkeit einstufen lässt. Wir zeigen, wie man die Fehlerquellen freilegt und was man für die Reparatur braucht. Wenn es sich einrichten lässt, sollen gleich Netzteile von Session-Teilnehmern unters Messer kommen. Eine Erfolgsgarantie können wir natürlich nicht geben.

Spoiler: Ohne Lötkolben geht’s nicht.

Nun ist es aber so, dass die bislang zur Verfügung stehenden Netzteile noch nicht ausreichen, um die Reparaturmethoden verfestigen und durchstrukturieren zu können. Und darum können wir noch ein paar Netzteile gebrauchen. Kathrin hat mir angeboten, ihre Coworking-Space-Adresse als Sammelpunkt zu verwenden.

Ihr könnt (wg. Kabelbruch) kaputte Magsafe-Netzteile – bitte nur die mit den magnetischen Steckern – ausreichend frankiert schicken an:

Weserland Coworking
Kathrin Passig
Weserstr. 21

12045 Berlin

Meinetwegen könnt ihr auch einen Namen oder besser eine E-Mail-Adresse draufschreiben (Edding, Folienschreiber, Aufkleber). Sollten sie reparabel sein – was nicht feststeht! – könntet ihr sie ggf. bei der re:publica 16 wiederbekommen*. Einen Rücksendeservice können wir nicht anbieten.  Sorry. Denn es ist auch denkbar, dass Netzteile beim Reparaturversuch unrettbar kaputt gehen oder nur ein paar Ersatzteile gebraucht werden.

 ________________________
*Hast du kein Ticket, können wir uns vor der Tür treffen oder so.

Manchmal möchte ich nichts sein

8. Januar 2016 · Will Sagen

Manchmal möchte ich nichts sein

Nicht Mann, nicht Frau

Nicht Deutsch, schon gar nicht deutscher

Nicht schwarz, nicht weiß

Nicht laut, nicht leise

Nicht schlau, nicht dumm

Nicht groß, nicht klein

Nicht dick, nicht dünn

Einfach nur Mensch. Wie alle anderen.

 

Fernseherreparatur: Ende der Eigenwilligkeit

4. Januar 2016 · Will Sagen

Zentraler Einrichtungsgegenstand in unserem Wohnbereich ist der Gegenüber vom Sofa steht bei uns ein Fernseher. Es ist ein Samsung LE40B530. Der ist so ca. 5 Jahre alt, vielleicht auch etwas älter. Vor einiger Zeit fing er an, sich über unsere Programmauswahl zu mokieren. Auch die von uns eingestellte Lautstärke gefiel ihm nicht mehr. Also schaltete er von selbst um und machte mal ganz leise, mal ganz laut.

Früher(tm) half es häufig, leichte Fernseherdefekte wie Zuckungen in der Bildröhre durch Ausblasen mit Pressluft zu reparieren. Dadurch wurden Kriechströme verhindert, die zuvor durch den Staub wanderten. Nun enthält so einer flacher Fernseher praktisch nicht mehr viel, was man ausblasen könnte, im Gegensatz zu den alten Kisten mit Bildröhren.

Nach einigem Gegugel stieß ich auf den Hinweis, dass „unser“ Fehler mit den Bedientasten seitlich am Gerät zu tun haben könnte. Die sind über ein Kabel und einen kleinen Stecker mit dem Rest der Elektronik verbunden. Stecker ab: Gerät verhält sich ganz normal. Stecker dran: Das Spielchen mit Umschalten und Lautstärke Verstellen geht wieder los. Leider hat auch das Durchspülen mit Elektronik-Reinigungsspray und Bremsenreiniger sowie Durchpusten mit Druckluft nichts gebracht. Dafür bin ich bei ebay auf ein (hoffentlich) passendes Ersatzteil gestoßen. Solange wird der Fernseher ohne die Tasten betrieben. Geht auch. Macht man meistens eh nicht anders.

tasten

In diesem Moment denke ich …

24. Dezember 2015 · Will Sagen

… ganz besonders an Stephan. Aber auch an jedem anderen Tag.

Ich hoffe, es geht dir gut.

Whats (the fuck) App?

17. Dezember 2015 · Will Sagen

Ich bin erklärter WhatsApp-Ablehner. Das habe ich in vielen Gesprächen bekundet. Darum darf ich mich nicht wundern, wenn ich nun plötzlich von verschiedenen Seiten, zuletzt in einer Weihnachtskarte (schöne Grüße nach Hannover :)) darauf angesprochen werde, warum ich denn nun da doch angemeldet bin.

Enlight1Weswegen ich WhatsApp ablehne? Ganz einfach: Ich finde es ein absolutes Unding, dass bei der Anmeldung sämtliche Kontakte vom Handy abgesaugt werden. Bin ich verantwortungsvoll im Umgang mit den mir anvertrauten Kontaktdaten meiner Mitmenschen, kann ich dem nicht zustimmen. Das ist alles. Ansonsten ist WhatsApp genial. Nur eigentlich müsste ich ja alle fragen, ob sie damit einverstanden sind, dass ihre Daten wegen mir irgendwo in die Welt geblasen werden. Praktisch nicht machbar.

Nun war es aber so, dass ich in eine Modellfliegergruppe eingetreten bin, die sich zum Fliegen über WhatsApp verabredet. Da kann ich schlecht sagen, dass sie wegen mir bitte auf einen anderen Messenger umsteigen sollen. Also habe ich mich erkundigt, die App installiert und bei der Frage, ob jetzt die Kontaktdaten abgesaugt werden sollen (ist natürlich besser ausgedrückt) „Nein“ ausgewählt. Ich dachte bislang, dass es die Option gar nicht gibt. Interessanterweise hat mir auch niemand der mir bekannten WhatsApp-Nutzer gesagt, dass das ginge. Es schien, alternativlos zu sein, ist es aber nicht.

Enlight1 (1)Das Resultat ist, dass WhatsApp rudimentär benutzbar ist. Man bekommt Nachrichten, aber man sieht nur die Telefonnummer, nicht, wer sich dahinter verbirgt. Nur im Homescreen bekommt man kurz, nach dem Wegdrücken nicht wieder aufrufbar angezeigt, namentlich angezeigt, von wem die Nachricht kommt. Kann man also mit der Nummer oder auch dem Benutzerbildchen, das der WhatsApper vielleicht auch woanders verwendet, nichts anfangen, hat man nicht viel von der Nachricht. Ich habe schon ein paar solcher Nachrichten auf meinem Handy, aber wie gesagt, teilweise weiß ich nicht, von wem. Offenbar wurden wohl alle Leute, die meine Handynummer gespeichert haben, darüber informiert, dass ich mich bei WhatsApp angemeldet habe. Auch super.

Was soll ich sagen? Für meinen Zweck reicht es, da in einem Mehr-Personen-Chat die Namen der Teilnehmer angezeigt werden. Dafür ist es ok, den Rest der Nachrichten werde ich größtenteils ignorieren, wenn ich nicht explizit erkennen kann, von wem sie sind.

 

Kawa-Tagebuch

8. Dezember 2015 · Will Sagen

Bei der Unterhaltung diverser Fahrzeuge fällt es mir inzwischen schwer, nachzuvollziehen, wann ich was damit gemacht habe: Ölwechsel, Achsschenkel abschmieren, neue Reifen, sowas halt. Aber, wozu hat man ein Weblog? Daher fange ich nun für meine letzte Neuerwerbung damit an. Mal sehen, wie konsequent ich das durchhalte …

Geworden ist es eine Kawasaki 440 LTD von 1981.

Probefahrt: 27.11.2015 bei Kilometerstand 49175,6

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Dann bei ebay ersteigert und gekauft am 03.12.2015

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Erste Umbauten folgen:

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Krieg? Gefällt mir. Nicht.

4. Dezember 2015 · Will Sagen

Heute klickt ein Großteil der Bundestagsabgeordneten zum Thema Krieg in Syrien sehr wahrscheinlich den „Gefällt mir“-Button, um es mal im Facebook-Sprech auszudrücken. Dabei haben sie laut einer Umfrage einen Großteil der Bevölkerung hinter sich, also ist die Entscheidung demokratisch vielleicht in Ordnung.

Ich hatte eben einen Gerichtstermin in der Turmstraße und kam auf dem Weg zurück zum Auto am Friedhof in der Wilsnacker Straße vorbei. An der Friedhofsmauer ist diese Bronzetafel angebracht:

Hier wurden über 300 Menschen begraben, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges im Umkreis dieses Friedhofs ums Leben kamen. Sie starben bei Kampfhandlungen, im Luftschutzkeller, beim Beschaffen des Notwendigen, durch Genickschuss oder begingen Selbstmord.

Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
In Leichenfeldern schliesst sein stolzer Lauf,
und Elend, unermessbar, steigt herauf.

Albrecht Haushofer, Moabiter Sonette.

Wem Krieg gefällt, dem gefällt auch diese Tafel.

Mag sein, dass ich in meinem Pazifismus naiv bin. Aber dass Krieg irgendwo zu Frieden führt, ohne dass ein Großteil der Zivilbevölkerung darunter extrem zu leiden hat, ist eine ebenso naive Wunschvorstellung.