(Vorbemerkung: Es ist gut möglich, dass ich von Zeit zu Zeit den einen oder anderen Gedanken in diesen Beitrag noch einflechte, den ich nicht gleich erinnerte.)
Vor, ich schätze rund 3 Jahren, bin ich auf einen Bericht aufmerksam geworden, der davon handelte, dass es da ein Diabetis-Medikament gibt, das den Nebeneffekt eines krassen Appetitzüglers hat und vielen Menschen beim abnehmen helfen kann. Ich dachte gleich: Das will ich auch! Aber ich traute mich nicht, das anzugehen, war auch etwas von den Preisen geschockt, die das Zeug kostete. Es ist verschreibungspflichtig, aber man muss es selbst bezahlen. Dann lass ich bei Felix Schwenzel, dass er aus guten Gründen sich das Mittel hat verschreiben lassen und damit recht schnell ansehnliche Erfolge feierte. Er isst (auch) gern, aber von vornherein schon mal gesünder als ich, würde ich sagen, zumal er, im Gegensatz zu mir, in der Lage ist, sich leckere Gerichte selbst zuzubereiten und seine Geschmacksnerven einen größeren Gestaltungshorizont zulassen (mit anderen Worten: Viel Gesundes mag ich nicht!)
Noch Ende letzten Jahres sah ich keine realistische Chance, von meinem Übergewicht runterzukommen. Wir reden hier von 115 kg bei knapp 1,8 m Körpergröße. Ich kaufte immer größere Klamotten, ärgerte mich auf Konzerten, dass es Band-T-Shirts nur in Kindergrößen gibt (4 XL ist ja wohl normal!) und fühlte mich einfach nicht wohl. Es hatte dann nichts damit zu tun, dass ich es mir für das neue Jahr vorgenommen hatte, sondern fiel einfach in die Zeit, dass ich Anfang des Jahres meine Hausärztin aufsuchte und mir ein Herz fasste, sie zu überreden, mir das Zeug zu verschreiben. Naja. Überreden musste ich sie nicht. Aber ihr zweiter Satz war: „Der Hunger kommt wieder.“ Da ich das Mittel im Moment noch nehme, bin ich noch nicht in der Phase und habe vielleicht gut Lachen. Wird sich zeigen.
Mit der Verabreichung des Mittels hat sich anscheinend in meinem Kopf ein Schalter umgelegt. Die Kosten (knapp 200 Euro im Monat) sind für mich ok. Ich kann mir das glücklicherweise leisten. Aber dennoch wollte ich den Prozess durch unüberlegtes Essen und Trinken nicht torpedieren. Also nahm ich das Mittel, hatte in der Tat sofort weniger Appetit, aber achtete auch ganz bewusst darauf, vor allem in Kohlenhydrate verpackte Kalorien wegzulassen. Das erste Mal in meinem Leben habe ich überhaupt mal durchgelesen, was auf den Packungen so aufgedruckt ist und bekam mal einen Eindruck von den Zahlenwerten. Also habe ich mich nach kalorienärmeren Produkten umgesehen und Skyr für mich entdeckt (im Becher mit Frucht von Aldi). Oder TK-Asia-Gemüse mit Shirataki-Reis. Vegane Boulette mit Krautsalat. Sowas halt. Und natürlich weniger Wein. Alkohol hat auch viele Kalorien und verleitet durch Enthemmung, die Kontrolle darüer aufzugeben, was man in sich hineinstopft. Ich habe gleich zu Anfang auch die alte Personenwaage ausrangiert und durch eine ersetzt habe, mit der ich leicht den Gewichtsverlauf kontrollieren kann. Die zeigt auch einige weitere Werte an wie BMI und Kalorien-Grundbedarf und so. Keine Ahnung, wie genau das ist, gerade auch Muskel- und Fettanteil. Vorrangig geht es mir um die Kilos. Und die purzelten! Wenn man in der Grafik einige Phasen sieht, in denen das Gewicht sprunghaft wieder angestiegen ist, liegt das daran, dass ich immer mal wieder eine Zweitwaage verwenden muss, die leider gern mehr anzeigt (1 kg mindestens) und anscheinend insgesamt nicht so gut arbeitet wie meine „Hauptwaage“.
Aber die Tendenz geht auch nach Monaten mehr oder weniger gleichmäßig abwärts. Nun werde ich nicht hungern, bis ich mich aufgelöst habe. Durch die zweieinhalb Wochen Urlaub, die gerade hinter mir liegen, ist es auch etwas schwerer geworden, die Gewichtsreduktion beizubehalten. Das sollte im Alltagsbetrieb wieder leichter gehen. Mein Ziel sind 79,7 kg, und das aus zwei Gründen: Grund 1: Ich möchte die „7“ an erster Stelle sehen. Grund 2: Das sind genau 35 kg weniger als bei meiner ersten Messung, und das ist einfach eine schöne Zahl. Dann möchte ich das Gewicht unter 85 kg halten. Das ist mein Plan. Als ich die ersten 12 kg weg hatte, dachte ich so: Guck, jetzt bist du mit einem kompletten Karton Milch weniger unterwegs. Jeden Tag. Morgens bis morgens. Auf jeder Treppe. Auf jedem Meter. Das war ein ganz tolles Gefühl! Der nächste Meilenstein war dann, als die Werte der Waage nicht mehr dreistellig waren. Dann unter 90 kg! Kaum vorstellbar, was das mit einem macht.
Ich habe irgendwo die Angabe gefunden, dass 1 kg Körperfett rund 7000 kCal entsprechen (obwohl ich ansonsten mit SI-Einheiten gut zurecht komme, sind mir die Joule-Werte dennoch fremd. Egal, oder?). Wenn ich also pro Woche etwa 1 kg abgenommen habe, sind das 100o kCal Kaloriendefizit pro Tag. Ich müsste mich also in den letzten Wochen konstant mit (zum Teil) deutlich weniger als 1000 kCal pro Tag begnügt haben. Um mein Gewicht zu halten, müsste ich also 1000 kCal pro Tag mehr zu mir nehmen können. Das ist in Anbetracht dessen, was ich so derzeit am Tag esse, ja einiges. Ich hoffe, dass ich das auch ohne das Mittel schaffe. Wenn nicht, lasse ich es mir sofort wieder verschreiben.
Früher ™ habe ich immer den Teller leer gegessen. Und nicht nur das: Ließ meine Mitbewohnerin was über, zum Beispiel den Pizzarand, habe ich mir den auch noch reingestopft. Bei Portionen, die ich mir nicht selbst einteile, habe ich es mir zur Pflicht gemacht, immer ein bisschen was auf dem Teller liegen zu lassen, auch wenn ich es noch so gerne aufessen würde. Manchmal, im Restaurant, kann man sich die Reste ja auch ganz gut einpacken lassen.
Aber ich bin ja nicht nur viel leichter geworden. Zum ersten Mal in meinem bewusst wahrgenommenen Leben habe ich ein positives Körpergefühl. Als Kind hat man das nicht, und als Jugendlicher war ich bereits etwas zu dick. Das wurde dann eben über die Jahre immer schlimmer, abgesehen von einer Phase, in der ich es mit viel Mühe über einen längeren Zeitraum geschafft hatte, mal 10 kg oder so abzunehmen. Viele dicke Menschen stehen zu ihrem Gewicht. Schön für sie, und ich hoffe, dass sie das nicht nur vorgeben und sich selbst belügen. Ich habe mich immer zu dick gefühlt, und bevor sich andere darüber lustig machen konnten, aber ich ihnen mit einer selbstironischen Bemerkungen den Wind aus den Segeln genommen. Dann war das geklärt. Aber ich fand mich zunehmend furchtbar, vor allem, als es immer schwieriger wurde, Klamotten zu bekommen, und der Herrenausstatter meiner Wahl (C&A) seine Große-Größen-Linie stark eingedampft hat. Jetzt kann ich mir Klamotten aussuchen und muss nicht einfach das nehmen, in das ich gerade noch so reinpasse. Ich bekomme sogar Komplimente, wie gut ich aussehe. Die meisten kennen mich ja nur als „Specki“. Eine Nachbarin hat mich gar nicht wiedererkannt. Kann auch passieren.
Das mit den Klamotten ist übrigens der zweitgrößte Kostenfaktor, wobei ich ohnehin keine Markenklamotten (die ja auch oft aus Bangladesh stammen) kaufe. Ich habe jetzt schon wieder einige gute Kleidungsstücke zur Obdachlosenhilfe (gegenüber vom Bahnhof Lichtenberg) gebracht, die ich so um Ostern oder Pfingsten gekauft habe. Anfangs konnte ich den Gürtel noch enger schnallen. Inzwischen ging es ohne erhebliches Kürzen nicht mehr. Wenn ich meine Zielproportionen erreicht habe, werde ich mir ein paar schöne Kleidungsstücke kaufen, die dann auch nicht aus Fernost kommen.
Aus meinen leichteren Zeiten habe ich noch ein paar Kleidungsstücke behalten. Da ist das Hemd, das ich bei meiner Hochzeit anhatte, samt einer Weste, aber vor allem eine Velourslederjacke, die ich mir Mitte der Neunziger Jahre in einem Secondhandshop in Hannover gekauft habe. Die war total verschlissen, weil ich die von morgens bis abends anhatte. Das Futter hing in Fetzen, die Nähte gingen auseinander, aber ich habe sie nie weggeben, selbst als ich keine Chance mehr sah, jemals wieder hineinzupassen. Einfach als Andenken an unbeschwerte Zeiten. Ich hoffte vielleicht auf ein Wunder. Als Belohnung habe ich diese Jacke gewissermaßen restaurieren lassen (und zwar hier). Das Foto ist in einem sehr alten, schmutzigen Spiegel unmittelbar nach der Abholung entstanden. Ich freue mich schon fast darauf, wenn es kühler wird und ich sie endlich wieder regelmäßig anziehen kann. Im Moment ist es dafür zu warm. Apropos warm: Ich schwitze viel weniger als früher. Westernhagen hatte doch recht: „Dicke schwitzen wie die Schweine!“. Ich hatte übrigens vor vielen Jahren schon mal mit „Dünne“ gekontert. Inzwischen kann ich einiges so nicht mehr singen. Das heißt aber nicht, dass der Westernhagen-Song ok ist. Ist er nicht. Er ist keine Persiflage oder so, für die Westernhagen ihn verstanden wissen will. Dünnen Menschen steht es einfach nicht zu, dicke Menschen zu beurteilen, weil sie die Gründe für das Dicksein nicht kennen. Adipositas ist eine Krankheit, kein Mangel an Selbstdisziplin.
Als Learning (so sagt man wohl) würde ich mal festhalten, dass es viel leichter sein dürfte, Gewicht zu halten als zu verlieren (sagenhafte Erkenntnis). Aber siehe oben: wenn das nicht klappt, nehme ich das Zeug wieder. In knapp drei Jahren sollen in der EU Generica dieses Wundermittels auf den Markt kommen, dann wird das auch wohl auch für ärmere Menschen bezahlbar. Denn ich gönne es jedem von Herzen, wenn jemand mit dem eigenen Gewicht nicht zufrieden ist, davon wegzukommen. Aber ohne Ernährungsumstellung hilft auch das beste Mittel nicht.
Zweites Learning: Die schnelle Veränderung hat mir sehr geholfen hat. Ich habe in kurzer Zeit die Veränderungen meines Körpers gespürt. Erst, dass mir die Klamotten viel zu groß wurden und vom Leibe fielen, dann so andere Dinge, dass ich z. B. keine wilden Verrenkungen mehr machen musste, wenn ich mir die Fußnägel schneiden wollte. Schlanke Menschen können sich das nicht vorstellen. Frauen, die mal schwanger waren, können das am ehesten nachvollziehen, weil sich deren Körper ja auch sehr schnell verändert (vor allem, wenn das Kind dann auf die Welt kommt …)
Als drittes Learning halte ich fest, dass Bewegung kaum etwas nützt, jedenfalls nicht, um Kalorien abzubauen, wenn man nicht gerade zum Extremsportler mutiert. Als dicker Mensch neigt man ja doch dazu, sich hinterher zu belohnen. Das beste ist, die Kalorien einfach gar nicht erst in sich hineinzukippen, als sie mühsam abzubauen. Mit moderatem Radfahren baut man in einer Stunde 300 bis 500 kCal ab. Eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Chips hat viel mehr Kalorien als eine Stunde Radfahren. Trotzdem ist Bewegung natürlich total sinnvoll! Aber auch das fällt einem viel leichter, wenn man selbst leichter ist. Die Füße tun beim Spazierengehen oder Wandern nicht so schnell weh. Ich habe das E-Bike in die Ecke gestellt und mein „Bio-Bike“ wieder fit gemacht. Das geht nur, weil ich mit über 30 kg weniger jetzt überhaupt eine Chance habe, auch mal eine kleine Steigung hinaufzukommen. Sollen Normalgewichtigte einfach mal ständig mit 30 kg Gepäck rumfahren. Dann wissen sie, was ich meine. Vielleicht habe ich sogar irgendwann Spaß an leichter körperlicher Anstrengung. Das ging mir jedenfalls bislang total ab.
Jedenfalls bin ich derzeit ein viel glücklicherer und zufriedenerer Mensch als Anfang des Jahres. Das soll so bleiben. Nie mehr fett sein!





















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