Wenn's gekracht hat: "Wem gehören die Daten?"

fragt der Verkehrsgerichtstag 2014, der vom 29.1. bis 31.1.2014 in Goslar stattfinden wird.

Im Arbeitskreis VII sollen die Themen

  • Vernetzte Datenbox Fahrzeug
  • Big Data contra Datenschutz
  • Prävention und Repression

behandelt werden. Schaut man in die Referentenliste, ist fraglich, ob dort jemand dabei ist, der die Sorgen und Nöte der Unfallanalytiker vertritt oder überhaupt erst mal begreift.

Datenschutz ist wichtig. Wichtig ist aber auch, für Rechtssicherheit zu sorgen, bzw. dafür, dass diese Rechtssicherheit den Bürgern überhaupt zuteil werden kann. Es gilt, ein gesundes Gleichgewicht zu finden.

Ich frage mich, was man unter „Daten“ im Bereich „Verkehrsunfälle“ überhaupt zu verstehen hat. Die meisten werden darunter natürlich irgendwelche Informationen verstehen, die über die verschiedenen Datensysteme der Fahrzeuge laufen. Aber gehen wir mal historisch ein paar Jahre zurück bis in die Prä-ABS-Zeit. Da gab es Bremsspuren. Die waren auf der Straße. Für jeden öffentlich sichtbar. Der Polizist nahm sein Messrad und rollerte die Länge aus. So einfach war das. Oder Glühlampen: Anhand bestimmter Beschädigungen ließ sich beurteilen, ob das Licht zum Unfallzeitpunkt eingeschaltet war. Damals ™ hatten wir Driftspuren. Daran konnte man sehen, ob der Fahrer noch bremste oder nicht, je nach Ausprägung der Spuren. Alles Informationen, alles Daten.

Heute sieht das anders aus: Bremsspuren sind praktisch verschwunden. „Dank“ ABS sind sie nur noch mit viel Glück und Erfahrung zu finden. An LED- oder Xenon-Scheinwerfern kann man keinen Schaltzustand erkennen. Driftspuren? Ja vielleicht. Aber hat der Fahrer aktiv etwas getan, oder hat ein Steuergerät irgendwie eingegriffen? Man weiß es nicht. Man weiß es solange nicht, wie man nicht andere Quellen anzapft. Die Spuren sind nun im Auto verborgen, nicht mehr auf der Straße.

Besonders aufwendig sind Nachtsichtuntersuchungen. Dort muss die Unfallszenerie möglichst genau nachgestellt werden, um zu beurteilen, ab welcher Entfernung ein Fußgänger sichtbar war. Farbe der Bekleidung, Witterung, Sonnenstand/Mondstand, Fahrzeug, Scheinwerfersystem, Scheinwerfereinstellung. Alles Parameter, die es zu berücksichtigen galt. Ein Riesenaufwand! Heute kann man sich das beinahe schenken, wenn ein Fahrzeug mit der modernsten Scheinwerfergeneration (Stichwort „Adaptive Scheinwerfer“) am Unfall beteiligt war. Früher hat man das Abblendlicht eingeschaltet und seine Beobachtungen und Messungen gemacht. Heute müsste man wissen, was der Computer meinte, welches Licht zum Unfallzeitpunkt optimal gewesen sein könnte. Da wird mit Blenden, Klappen, LED-Clustern und so weiter der Gegenverkehr ausgeblendet, der Straßenrand ausgeleuchtet, um die Ecke geschielt. Alles Rechner gesteuert, nichts wird protokolliert. Und vor allem: Das Licht lässt sich im Stand nicht manuell so schalten, wie es während der Fahrt automatisch passiert. Das ist einfach nicht vorgesehen. Keine Chance, Leuchtweiten und Lichtfelder nachzuvollziehen.

Oder Assistenzsysteme wie das inzwischen hinlänglich bekannte ESP. Was tun, wenn ein Fahrzeug gegen einen Baum geprallt ist? War es Selbstmord? War es eine Fehlfunktion des Steuergeräts, der Software? Hat der Fahrer noch am Lenkrad gedreht oder auf die Bremse getreten? Keine Ahnung. Es gibt keine offiziellen Schnittstellen mit der Auslesemöglichkeit irgendwelcher Betriebsdaten. Die Hersteller mauern, weil sie nichts preisgeben müssen. Der Gesetzgeber schläft, weil er im Grunde gar nicht weiß, dass sich in seinem Staate Leute tummeln, die Unfälle in Gerichtsverfahren rekonstruieren, was etwas anderes als Unfallforschung ist.

Es geht ja gar nicht um den gläsernen Autofahrer, den viele befürchten. Mich interessiert nicht, wer in dem Fahrzeug saß. Die Person ist mir völlig egal. Mir geht es auch nicht um Bewegungsprofile. Mir würde ein Ringspeicher mit ein ganz paar rudimentären Daten reichen, der fünf Sekunden vor und nach dem Unfall abspeichert und ansonsten alle Daten aus weiterer Vergangenheit wieder vergisst. Dieser Speicher sollte von Berechtigten ausgelesen werden können. Das wäre z. B. die Polizei, die Staatsanwaltschaft und damit eben auch ein von ihr beauftragter Sachverständiger. Nicht Hinz und Kunz. Da läge tatsächlich eine Gefahr, dass diese Daten falsch interpretiert werden von Leuten, die sie nicht sinnvoll in einen Kontext einbinden können, eben eine Unfallrekonstruktion.

Mit diesem Thema habe ich mich hier und hier schon mal in ähnlicher Weise beschäftigt. Da sich nichts geändert hat, werde ich mich mal in Goslar anmelden und schauen, was dort so passiert.

Autor:
Datum: Montag, 7. Oktober 2013
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: rolling rolling rolling

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

2 Kommentare

  1. 1

    Ey, wenn man das doofe captcha vergisst, ist alles weg. Ich hatte so einen schönen Kommentar. Jetzt isser weg. So.

  2. 2

    Das ist ja doof.

    Aber eigentlich funzt das. Hab’s gerade getestet.
    Es kommt die Meldung „Feld darf nicht leer sein!“

    Dann drückt man „Zurück“, und alles ist wieder da.

Kommentar abgeben

(Plumpe Werbung wird gelöscht oder bearbeitet.)