Schwarzweiß, farblos oder doch bunt?

Die echte, wahre Fotokunst findet ja in Schwarzweißbildern statt. Das weiß jedes Kind. Willst du Foto-Künstler sein, machst du Schwarzweißbilder.

Ich sehe das ja anders. Zwar versuche ich mich auch manchmal in Schwarzweißfotografie, aber das sind mehr Experimente, wie das so aussieht. Oft erliege ich dann allerdings dem Eindruck: Jau, jetzt isses Kunst!

Tram 21

Das ist natürlich Quatsch. Aber daran sieht man schon, dass ich kein „richtiger“ Künstler bin, sondern allenfalls ein nicht vollkommen dämlicher Hobbyknippser, der aber fast nichts von Fotografie, geschweige denn von Kunst versteht, jedenfalls im Vergleich zu richtigen Künstlern. Denn, um richtiger Künstler zu sein, versteht man es vor allem, damit Umsatz zu generieren. Jedenfalls ist es das, was sich bislang in meinem Kunstverständnis als wichtigstes Kriterium herausgestellt hat: Die formale Qualität (besonders pfiffige Idee, handwerkliche Ausführung) ist im Grunde scheißegal. Du musst etwas möglichst als Erster  machen und es nur schaffen, dass dein Gewerksel in einer Ausstellung hängt, für die die Leute Eintritt zahlen (und in der selbstverständlich fotografieren verboten ist), oder/und du musst es schaffen, nicht nur ein Preisschild an deine Elaborate zu hängen, sondern hin und wieder auch einen gewissen Preis bezahlt zu bekommen. Von wegen, Kunst liegt im Auge des Betrachters. Kunst liegt als klingende Münze in der Kasse. Das ist die Kunst. Punkt.

Nebeneinander

Und das scheint mit Schwarzweißfotos besser zu gehen, als mit Farbe. Dabei ist die Schwarzweißfotografiererei ja eigentlich aus der Not geboren. Es gab schlicht keine Farbfilme. Bei meinen Eltern gibt es noch einen Karton mit Uraltfotos von vor über hundert Jahren, da findet man nachkolorierte Fotos, wo den Kinderchen rote Bäckchen gemalt wurden und so. Dann gab es irgendwann Farbfilme, und sie wurden von einigen großartigen Fotografen, wie zum Beispiel Fred Herzog, mit Bravour eingesetzt. Kodachrome ist eine Vokabel, die die Herzen vieler Bestager höher schlagen lässt.

Herzog

Digitalkameras waren und sind im Grunde alle bunt (bis auf ein paar Ausnahmen, wie billige monochrome Überwachungskameras oder, am anderen Ende der Preisskala, die Leica M Monochrom). Und dann soll ich hingehen, erst bunt durch den Sucher gucken, bunt fotografieren und dann die Farbe rausziehen? Nö. Nicht mit mir! Und wenn man sich dann einige dieser „kunstvollen“ Schwarzweißfotos anschaut, stellt man oft fest, dass vor allem Leutefotografierer die Technik anscheinend nutzen, um Mängel zu kaschieren. Gesichter bestehen plötzlich aus großen weißen Flächen. Einzelne Hautporen sind gar nicht zu erkennen, weil sie in einer gräulichen Melange untergehen. Aber die Bilder sehen gut aus. Weil sie eben nicht die Realität abbilden, sondern nur einen ganz kleinen Ausschnitt des Wellenlängensortiments, das das sichtbare Ganze eigentlich umfasst. Es gibt aber auch das Gegenteil: Da wird am Kontrast gedreht bis zum Gehtnichtmehr, bis jedes einzelne Gesichtshaar aus Stahldraht zu bestehen scheint und mit Wucht in die Haut gesteckt wurde. Und ich muss gestehen: Das sieht oft ganz toll aus!

gm

Toskana 2013

Aber ich bin überzeugt: Die größere Kunst ist, Farbfotos diesen Touch mit dem gewissen Etwas zu geben. Und damit meine ich keine kitschigen Sonnenuntergänge mit ner halbnackten Tante davor.

Warten

 

Im Moment beschäftige ich mich mal wieder damit, Mikrocontroller zu programmieren, genau gesagt, spiele ich mit einem Arduino rum. Und da habe ich mir Folgendes überlegt: Wenn ich mal in die Verlegenheit kommen sollte, einige meiner Fotos öffentlich auszustellen, würde ich jeweils schwarzweiße und bunte Bilder mit dem gleichen Motiv aufhängen. Dann wird der Fußboden mit druckempfindlichen Platten ausgelegt, und mit meinem Arduino messe ich dann, vor welchem Bild die Menschen länger stehen bleiben. Dann weiß ich zumindest, was bei den Leuten mehr Aufsehen erregt (und kann dann daran arbeiten, dass die Leute zukünftig vor der anderen Variante länger ausharren).

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Besonders schlimm ist, glaube ich, wenn man „Buntfoto“ statt „Farbfotografie“ sagt. :mrgreen:

 

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Datum: Dienstag, 21. Januar 2014
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Ein Kommentar

  1. 1

    Ich hab‘ ja keine Ahnung, aber ich denke mir: Bei der künstlerischen Darstellung kommt es oft auf das Reduzieren an. Man will was Bestimmtes rüberbringen und lässt das Unwichtige weg, abstrahiert also. Maler/innen machen das im Allgemeinen ja sowieso. Insofern ergibt es manchmal vielleicht schon Sinn, bei Fotos die Farbe wegzulassen, weil sie für den Inhalt des Bildes unwichtig ist oder sogar davon ablenkt. Manchmal kann aber auch die Farbe das Wichtigste sein. Ölgemälde und Kreidezeichnungen haben ja auch beide ihre Daseinsberechtigung.

    Dass es im Kunstbetrieb (bei der Fotografie wie bei anderen) reichlich Wichtigtuerei und Scharlatanerie gibt, kann ich mir aber auch lebhaft vorstellen.

    P.S. Die meisten deiner Fotos finde ich ziemlich cool.

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