Ein Jahr Leica M9-P

Seit etwa einem Jahr fotografiere ich nun mit der Leica M9-P. Auf dem Tacho stehen 13734 Auslösungen.  Das sind pro Tag nicht mal 40 Fotos. Geht doch. 😉

Olga

Warum macht man eigentlich nach einem Jahr eine Art Rückblick? Doch irgendwie, weil man (ich) sich in den vergangenen 365 Tagen des Öfteren fragen lassen musste, wie man so viel Geld für so ein bisschen Kamera ausgeben kann. Tja, und da kann man dann auf die Idee kommen, dass man sich wohl dafür rechtfertigen muss. Die Leica wäre nie für mich in den Bereich des Möglichen gekommen, wenn nicht dafür mein selbst restaurierter, geliebter Fiat 500 gegangen wäre.

Me

Es gibt ja Zeitgenossen, die einen Leica-Besitzer nur als einen stinkreichen Schnösel sehen, der sein wertvolles Stück in die Vitrine stellt und ansonsten a) nicht damit umzugehen weiß und b) in der Regel auch völlig talentbefreit ist. Das ist jedenfalls das, was man zwischen den Zeilen z. B. in einem Podcast heraushören konnte, der meine Bremsenreiniger-Geschichte aufgegriffen hat, und naja, so ein bisschen durch den Kakao gezogen hat. Dass ich damit nicht ganz einverstanden war und insbesondere mein Dank für die kurze Klickschwemme nicht groß genug war, die mir der, ich nenne ihn liebevoll den Jamie Oliver der Fotografie, verschafft hat, hat man mir dann auch ein bisschen übel genommen, scheint’s. Dabei ist es mir finanziell, worauf es anderen ja extrem ankommt, ziemlich egal, wie viele Leute sich hierher verirren. Rückblickend war die Sensorreinigung mit Bremsenreiniger sicherlich das nach außen Aufregendste. Es hat allerdings keine (erkennbaren) bleibenden Schäden hinterlassen. Und derzeit ist es glücklicherweise auch nicht nötig, den Sensor wieder zu reinigen, weil ich halt – im Gegensatz zu den Profis, die ich an meinen Sensor gelassen habe – wirklich gründlich gearbeitet habe. Aber lassen wir das Thema ruhen.

Fiat 500 Ostsee Treffen "Kieler Treffen" 2011

Mich für die „P“ entschieden zu haben, war eine gute Wahl. Nicht, weil vorne nicht Leica dransteht, sondern, weil die „P“ eine Displayscheibe aus Saphirglas hat. Ich glaube, sonst könnte ich nichts mehr erkennen vor Kratzern, wo ich die Leica doch jeden Tag bei mir habe, praktisch überall, wo ich geh‘ und steh‘. Ganz klare Sache: So ein Glas gehört an jede Leica. Bei dem Preis für die normale M9 und dem Qualitätsanspruch sollte das eigentlich selbstverständlich sein. Aber soll ich mich wirklich über den Preis der Kamera aufregen? Immer das selbe Thema? Wie viel ist so eine Kamera wert? Wie viel bezahlt man für den Namen? Namen waren mir immer schon egal. Wie auch bei Autos bin ich kein Markenfetischist. Die Frage ist: Gibt es eine Alternative? Und die beantworte ich immer noch mit „nein“. Nein, es gibt keine andere Kamera, die mir das bietet, was ich mir von der M9 versprochen und auch bekommen habe.

Gerade gestern habe ich noch mit meinem Kollegen Stefan, ebenfalls foto-ambitioniert, darüber gesprochen. Ich finde z. B. die Olympus OM-D oder die Fuji X1-Pro echt schnuckelig. Aber sie gefallen mir eben bei ganz bestimmten Punkten nicht, die ich an der Leica, vor allen an den Objektiven, so schätze: Das ist einmal das Fokussieren und das ist der Blendenring. Autofokus ist oft ne tolle Sache. Aber wenn man dadurch die Funktionalität eines butterweich laufenden, aber eben nicht undefinierten Fokusrings in Verbindung mit einem Suchersystem opfert, das dem Messsucher der Leica (noch) nicht das Wasser reichen kann, drehe ich lieber die ganze Zeit von Hand, um z. B. solche Fotos zu machen:

Fiat 500

Und dann ist da das Vollformat. Ich vermisse Zoomobjektive praktisch nie. Für das, was ich mit meinen Fotos mache, komme ich mit den 18 MPixeln prima klar. Denn, ich kann mir aus meinen Bildern herrliche Ausschnitte machen, ohne Gefahr zu laufen, in einen pixeligen Bereich zu geraten. Klar. Alles hat seine Grenzen, aber das geht schon wirklich prima!

Vollformat kann aber auch Fluch sein: Denn, man muss die Blende schon ziemlich weit zu drehen, damit man Tiefenschärfe bekommt, wenn man sie will. Und da sind wir dann auch schon beim größten Manko der M9, dem Sensor, speziell seiner Licht(un)empfindlichkeit. Wo andere Kameras mit vierstelligen ISO-Werten locker hantieren und relativ rauscharme Bilder liefern, stößt die Leica mitunter schon im hohen dreistelligen Bereich an ihre Grenzen. Das ist echt Käse. Vor allem, weil es (natürlich) auch keinen Verwackelungsschutz gibt. Anstatt eine Videofunktion mit Liveview zu implementieren, wie es im Vorfeld der Photokina rumort, würde ich mir viel mehr eine überarbeitete M9 mit rauscharmem Sensor und Verwackelungsschutz wünschen. (Was diese monochrome M9 soll, habe ich btw überhaupt nicht verstanden. Aber ich bin ja auch kein ambitionierte Fotograf und schon gar kein Künstler, der sowas verstehen könnte.) Alles andere an der M9 kann so bleiben: Das Display wird ja oft gescholten. Hey. Ich will mir meine Bilder nicht auf einem kleinen Bildschirmchen ansehen. Da checke  ich nur, ob der Bildausschnitt passt. Vielleicht zoome ich kurz rein, um die Schärfe zu kontrollieren. Für mehr brauche ich das nicht. „Entwickelt“ wird das Foto eh erst mit Lightroom. Die Möglichkeiten des Programm setze ich recht moderat ein. Ich möchte den ursprünglichen Charakter der Situation, in der ich das Foto aufgenommen habe, beibehalten. Mir gehen viele extrem bearbeitete Fotos da viel zu weit. Bunteste Himmel, dramatischste Wolken, aber auch Gesichter (natürlich in schwarz-weiß), die nur aus einer makellosen weißen Fläche zu bestehen scheinen. Ne, das ist nicht meine Fotografie. Ich fotografiere, die Welt so, wie sie mir vor die Linse kommt. Und so soll es hinterher auch aussehen.

Citroen DS

Mit meiner Objektivwahl (35mm, 1:1,4 und 90mm 1:2,8) liege ich immer noch goldrichtig. Manchmal wünsche ich mir ein Weitwinkel (um 20 mm). Das kann ich mir aber nicht leisten. Mal sehen. Irgendwann vielleicht. Aber ich sage es auch ganz ehrlich: Sollte ein anderer Hersteller mit einer Sucherkamera um die Ecke kommen, die mir ordentliches manuelles Fokussieren, Vollformat und einen rauscharmen Sensor für weniger Geld bietet, bin ich nicht an die Leica gefesselt. (Vor allem, weil man auch oft an solchen Kameras die Leica-Objektive verwenden kann). Dumm nur, dass meine „Olga“, wie ich sie kurz nach dem Kauf in Anspielung an ihren martialischen und gleichzeitig minimalistischen Auftritt und die Billig-Kameras „Holga“ getauft habe, inzwischen so viele Kratzer, Macken und Verschleißspuren am Gehäuse hat, dass sie auf dem Gebrauchtmarkt wahrscheinlich in den unteren Rängen rangieren würde. Aber ich will sie ja auch gar nicht verkaufen. Eben weil es nach wie vor keine bessere Kamera für mich gibt. Vor allem keine klobige DSLR.

 

 

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Datum: Mittwoch, 8. August 2012
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